Mary Shelley's Frankenstein ist ein oft mißachtetes Werk, daß leider viel zu oft in einem Atemzug mit Reizworten wie Horror, Zombie, u.ä. gebraucht wird. Fast jeder hat schon die eine oder andere Verfilmung gesehen, in der ein Kleiderschrank mit zwei Schrauben im Kopf durch die Gegend stakst. Jedoch ist die Handlung des Buches eher einerseits auf den psychologischen "Menschwerdungsprozeß" des Monsters und auf der anderen Seite die mit Kapitän Ahabs Verbohrtheit vergleichbare Obzession des Naturwissenschaftlers Frankenstein, das "Geheimnis des Lebens" aufzudecken, fokussiert. Das Monster ist nicht von sich aus böse, sondern wird durch mangelnde Toleranz seiner Umwelt zum rachsüchtigen Außenseiter. Das Ziel seiner Rache ist sein "Vater" Frankenstein, der ihm zwar das Leben geschenkt, nicht aber für die Befriedigung menschlich-sozialer Bedürfnisse gesorgt hat. Das Monster geht also anfangs als Caspar Hauser auf eigene Faust in die Welt und lernt das normale Leben normaler Menschen als Beobachter kennen. Durch die so gewonnenen Erfahrungen entsteht der Wunsch, ebenso akzeptiert und geliebt zu werden. Sein Schöpfer soll erneut ein Wesen erschaffen, diesmal eine Frau für das Monster, mit der es zurückgezogen leben will. Dies gelingt Frankenstein aber nicht noch einmal, auch, da er inzwischen eingesehen hat, daß es ihm nicht zusteht, diese Schwelle zu überschreiten. Es folgen mehrere Racheakte des Monsters, die den Wissenschaftler in die gleiche Lage versetzen sollen, in der es selbst sich befindet: Eisamkeit, Verbitterung, Unglück. Eine lange, gegenseitige Jagd entbrennt, die schließlich in der Nähe des Nordpols ihr Ende findet. Frankenstein trifft auf einem Schiff einen ähnlich verbohrten Mann, der als erster den Nordpol erreichen will und dabei alles aufs Spiel setzt. Ihm erzählt er seine Geschichte, um ihn davor zu bewahren, die gleichen Fehler zu begehen, die er selbst mit seiner eindimensional auf ein Ziel gerichteten Sichtweise gemacht hat. Interessant ist es, die Biographie der damals erst 19-jährigen Mary Shelley im Zusammenhang mit einigen Details des Buches zu sehen. In vielen Ausgaben des Romans wird im Nachwort darauf eingegangen. Bemerkenswert ist, daß die Idee, dieses Buch zu schreiben, wahrscheinlich auf den gleichen Abend zurückgeht, an dem in einer "schauerlichen Gruselstunde" vor dem Kamin von mehreren Freunden beschlossen wurde, einen kleinen Wettbewerb mit dem Erfinden einer Schauergeschichte zu starten. Der Leibarzt Lord Byrons, der zu der kleinen Gesellschaft gehörte, soll quasi die Grundlage zu Bram Stoker's Dracula geliefert haben. Übrigens habe ich Mary Shelley's Frankenstein (zum ersten mal) unmittelbar vor "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny gelesen. Kurioserweise hört das eine Buch fast genau dort auf, wo das andere anfängt: Zur Zeit der ersten Erstürmer des Nordpols. Mary Shelley's Frankenstein wird aufgrund seiner Vielschichtigkeit, der für mein Empfinden schönen Sprache und natürlich des sehr stark ausgeprägten "nach dieser Seite mach ich's Licht aus-Effektes" immer einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal haben. Da ich immer wieder feststelle, daß relativ wenige Leute dieses Buch wirklich selbst gelesen haben, bin ich recht regelmäßig dabei zu versuchen, es in Gesprächen von seinem schmuddligen Horror-Image zu befreien.