Was will dieses Buch, was sollen die Aufnahmen von mehr oder weniger zufällig herausgegriffenen Menschen aus den Grenzregionen der EU und darüber hinaus dem Betrachtenden vermitteln? Die Essays geben ausgezeichnete Denkanstöße, doch der Betrachter selbst spürt rasch, worauf Gaudlitz abzielt. Mag der Westeuropäer, der das Buch ansieht, zunächst vor allem bestürzt über die Ärmlichkeit und gefesselt von der halben Exotik der dargestellten guten Stuben sein und die so unterschiedlichen Personen eher mitleidig zur Kenntnis nehmen, so ändert sich dieser Eindruck rasch, wenn man sich eingehend mit den Fotografien befasst.
Ernst blicken sie in die Kamera, Greise, Kinder, junge Erwachsene, Menschen in der Lebensmitte. Sie haben sich für den Fotografen und somit auch für den Betrachter herausgeputzt und lassen ihn teilhaben an ihrer Privatsphäre - Zimmer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, einfach ausgestattet, oft mit Schlafcouch, schlichte Wohnküchen, farbenfroh verputzte oder mit üppig gemusterten Tapeten versehene Wände, an denen Wandteppiche, Fotos, Jagdtrophäen, Heiligenbilder oder sonstige Accessoires hängen, bisweilen aber auch im westeuropäischen Sinne schicke Wohnungen.
Das Mitleid weicht rasch einer Begegnung auf Augenhöhe, denn die Portraitierten posieren gelassen und selbstbewusst in ihrem ganz persönlichen Interieur.
Und genau das möchte Gaudlitz offensichtlich vermitteln, wie auch die ausgesprochen lesenswerten Essays nahelegen: Man muss diese scheinbar rückständigen Gebiete mit ihren lebendigen, farbenfrohen Ethnien nicht nach Europa holen - sie sind seit Jahrhunderten ein sehr lebendiger Teil davon und dies heute vielleicht noch wesentlich mehr als die Westeuropäer, die etwas hilflos nach ihrer Identität suchen.
Ein ganz wunderbares Buch; der ein oder andere Leser freilich würde sich noch ein paar Informationen zu den Portraitierten wünschen, etwa deren Beruf und Familienstand oder auch in Bezug auf ihre Städte: Wovon lebt man dort? Diese in sich ruhenden Persönlichkeiten möchte man auch anhand von Fakten näher kennenlernen, auch wenn dies wohl der Intention des Fotografen widerspricht.
Die Ausstattung des Buchs lässt nichts zu wünschen übrig, ebenso die Qualität der Wiedergabe der Fotos in angemessen großem Format. Bilder und Essays bieten Einblicke in ein kostbares Stück Europa und in die privaten Räume einiger seiner Bewohner.