Dürrentmatts 'Komödie einer Privatbank' ist ein mit klassischen Formen spielendes Stück, in dem versucht wird, den gerade noch denkbaren Grenzwert des menschlich Bösen zu erreichen. Vorgeführt wird die spezifische Form des Bösen, die sich aus Habgier, Machtlust, vor allem aber aus der unbedingten Negation aller Moral ergibt: Geradezu zwanghaft müssen die Figuren des Stücks das maximal Verwerfliche in jeder Situation tun, der eponyme Frank der Fünfte leidet gar darunter, dass er die Höchstleitungen moralischer Verworfenheit seiner Vorgänger-Franks nicht erreicht hat. Jegliche Beziehung zwischen den Personen wird bestimmt durch den unbedingten Willen, bei maximalem eigenen Profit auch den maximalen Schaden bei den anderen zu verursachen. Dass Dürrenmatt gerade eine Privatbank als Handlungsort wählt, rückt das Böse weg aus der Dunkelheit des Verbechens oder den Grenzbereichen staatlicher Allmacht mitten hinein in den Kern bürgerlichen Lebens, dem Schaffen und Bewahren von Gütern.
Ausgangspunkt der Handlung ist der drohende Kollaps der Privatbank Frank des Fünften. Dieser beschliesst zusammen mit seiner Frau Ottilie, sich dem Problem durch einen vorgetäuschten Tod zu entziehen. "Der Staat übernimmt die Schulden, wir haben unsere Ersparnisse in Sicherheit gebracht, und es kommt alles in Ordnung." (Szene 4). Dass ein Sarg eine Leiche erfordert, stellt kein Problem dar. Mit einem neueintretenden Lehrling wird ein passender Körper verfügbar. Nachdem Frank abgetreten ist, laufen die Handlungen der Bank zunächst wie üblich weiter. "Wo Profit lockt, wird die Handlungsweise des Menschen vorausbestimmbar" (Szene 7). So wird z.B. ein Kunde mit wertlosen Aktien eines Uranbergwerks betrogen. Dass sich in der Folge das Bergwerk als Goldgrube erweist, wenn auch die Strahlung den überglücklichen Käufer innerhalb kürzester Zeit hinwegrafft, ist eines jener Beispiele vom unternehmerischen Ungeschick, dass Frank den Fünften um sein Geschäft brachte. Aber es kommt schlimmer: Ein Unbekannter erpresst die Bank, indem er droht, die Machenschaften zu entlarven. Die Angestellten der Bank sind gefordert, der Bank zurückzuerstatten, was sie von ihr gestohlen haben, um die geforderte Summe aufbringen zu können. Jeder versucht sich zu retten, es kommt zum Showdown mit Maschinenpistolen im Allerheiligsten, im Tresor der Bank. Doch bevor es zum grossen Gemetzel kommt, treten jene auf, die es klammheimlich geschafft haben, sich die Macht über die Bank anzueignen: Sohn und Tochter Franks des Fünften. Diese waren für besseres ausersehen: "Ottilie: Was ich Böses tat auf dieser Erden, das geschah nur, weil mein Schoss gebar / Doch alle Kinder wollen glücklich werden / Doch diesmal wird es wahr." (Szene 9). Letzte Hoffnung gegen die Schlangenbrut setzt Ottilie auf den Staatspräsidenten, doch dieser winkt ab: "Hättest du einige hundert Milionen und zwei Dutzend Morde weniger auf dem Gewissen, könnten wir diskutieren...Aber nun? Ich müsste ja die ganze Weltordnung umstürzen...Nein, erwarte von mir keine Strafe, erwarte von mir nur noch Gnade" (Szene 16). So kommt es, dass am Ende alle Gefangene im Bösen sind: "Die Freiheit ist schön.../ Doch willst du sie greifen, vergeht sie im Nu / Denn wer am Speck sitzt, sitzt in der Falle / Und willst du hinaus, klappt die Falle zu" (Szene 17, Ende).
Das Stück ist eine Parabel des Bösen. Trotz Bankenkrise des Jahres 2008 und mancher aus dieser folgenden Parallele des Stücks mit der Wirklichkeit, handelt es sich nicht um ein tagesaktuelles Stück. Es zielt über den Kontext von Bank und Geschäft hinaus auf das Böse schlechthin. Abgehandelt wird das Thema in fast diskursiven Textpassagen, die auf der Bühne gesungen werden, oft auch im Chor (der Ausgabe liegen leider keine Notenbeispiele bei). Das komödienhafte liegt dabei in der maximalen Überzeichnung aller Figuren und ihres Handelns. Wie den Figuren, denen das Lachen schon lange vergangen ist, vergeht auch dem Leser bald das Lachen - denn das Böse erweist sich als Krebsgeschwür, als bösartige Verwucherung des sinnvollen und moralisch noch tragbaren Geschäftens. Und die Metastasen dieser Krankheit sind die Kriminalisierung aller am Bereicherungsschema der Bank beteiligten, denn wer nicht nimmt, den nimmt man nicht für voll. Hier ist man im Kern der Parabel: Der Habgier, die an Banken exemplarisch wird, die Gier nach dem Speck. Dies zu lesen, ist nicht immer ein Vergnügen. Grossartig jedoch, wie Dürrenmatt mit den klassischen Vorlagen des Theaters spielt. Ein Stück für alle Zeiten.