Nach dem Gitarristenwechsel von Peter Banks zu Steve Howe bei Yes in 1970 stieg nun auch Organist Tony Kaye 1971 aus der Band aus, und wurde durch Keyboarder Rick Wakeman ersetzt. Während Tony Kaye der straighte Rockorganist war, brachte Rick Wakeman ein wenig Abwechslung in die Musik von Yes: neben der Hammondorgel wurden jetzt auch ein Flügel, ein E-Piano, ein Harpsichord, diverse Synthesizer und ein Mellotron eingesetzt.
Auf diesem Album hat jeder der Bandmitglieder bis zu 3 Minuten für eine Solokomposition, auf der er "sein" Instrument darstellen kann. Zusätzlich gibt es 4 längere Bandkompositionen, die die 5 Musiker gemeinsam arrangiert haben.
Der Singlehit und Opener "Roundabout" hätte von seiner Art her auch vom "Yes Album" stammen können: ein straighter Rocker mit trockenen Bassläufen. Lediglich die akustische Gitarreneinleitung und der proggige Endteil klingen schon eher nach späteren Yes-Alben wie "Close to the Edge". "Cans and Brahms" ist ein Wakeman-Solo-Stück. Es ist nichts besonderes, nur ein 1,5minütiger Auszug aus der 4. Brahms-Symphonie, von Rick Wakeman für diverse Keyboards arrangiert. Danach folgt das einminütige "We Have Heaven", das mit den zahlreichen, langsam Spannung aufbauenden Gesangsoverdubs Jon Andersons glänzt und durch 30 Sekunden Schritt- und Windgeräuschen à la Pink Floyd in der "Man and the Journey"-Suite mit dem zweiten Bandstück, "South Side of the Sky" verbunden ist. Letzteres überzeugt durch die rockigen Gitarren- und Bassriffs, den wortwörtlich "kalten" Text und den Piano-Mittelteil. Seitenwechsel: es geht weiter mit dem kurzen, perkussiven "5% for Nothing", dem Solo-Track vom Drummer Bruford: 30 Sekunden krumme Töne und Takte von Bass, Orgel, Schlagzeug und Gitarre. Dieser musikalische "Fetzen" dient als Prelude zum nächsten Bandtrack, "Long Distance Run Around", dessen vertrackter Rhythmus, schöne Melodie und gute Riffs sofort überzeugen. Dieses Lied diente live als Sprungbrett zu einem 10minütigen Basssolo von Chris Squire - mit Begleitung von Steve Howe, die auf "Fragile" jedoch nur 3 Minuten lang ist: "The Fish". Hier gibt es einen 7/4 Takt und lustige Basseffekte, und am Ende noch ein wenig Gesang. Live ist Squires Solobeitrag allerdings um einiges interessanter... Danach das verträumte Solostück "Mood for a Day" von Steve Howe: drei Minuten romantische Akustikgitarrenmusik, die Steve Howes Können an der Akustikgitarre zeigen. Trotzdem gefällt mir das fröhliche, verspielte "Clap" vom Vorgängeralbum besser. Zu guter letzt: ein absolutes Meisterwerk: das 11minütige "Heart Of the Sunrise" mit vorzüglichem Mellotronspiel, schnellem Riffing und ruhigen Gesangspassagen mit dezenter Bandbegleitung. Und kurz vor der Auslaufrille: eine halbminütige Reprise von "We Have Heaven", die den aprupten Schluss von "Heart of the Sunrise" ein wenig "dämpft". Nun zu den Bonustracks...
"America" ist eine wirklich geniale Version des Simon&Garfunkel-Titels. Man erkennt das ganze nur noch am Text und am Riff wieder, die Melodie versteckt sich in unterschiedlichsten Taktarten. Das ganze ist 10 Minuten lang und hätte sich auf der Original-LP, anstatt der Solobeiträge, recht gut gemacht. Die zweite Version von Roundabout ist ganz lustig, aber i.G.u.G. belanglos.
"Fragile" ist ein sehr gutes, und kein zerbrechliches, sondern solides Progalbum, das mit guten Ideen und proggigen Liedern gefüllt ist. Punkteabzug gibt es aber, weil die recht kurzen Solostücke wie eine lose Aneinanderkettung von Ideen wirken. Der Bonustrack "America" auf der 2003er Remaster ist eine lohnenswerte Ergänzung.
Als Einsteiger sollte man sich (meiner Meinung nach) aber zunächst die Yessongs oder Close To The Edge zulegen. Diejenigen, die das mögen, kommen eh nicht um den Kauf der anderen Studioalben (zumindest bis 1980) herum.
Anspieltips: am besten alles durchhören!