Neil Gaiman beweist mit seiner neuen Kurzgeschichtensammlung, dass er dem Hype um seine Person gerecht wird: er ist wirklich ein außergewöhlicher Schriftsteller mit überbordender Phantasie und einem beinahe untrüglichem Stilgefühl.
Es fällt schwer, aus dieser Schatztruhe einzelne Glanzstücke hervorzuheben, aber ein paar, besonders gediegene Preziosen sollen trotzdem ein bisschen näher bleuchtet werden.
"A Study in Emerald" ist ein postmodernes Kabinettstück in der Art von Alan Moores "League of Extraordinary Gentlemen". Gaiman lässt darin die rationale Welt Arthur Conan Doyles auf die irrational-verstörende Welt von H.P. Lovecraft treffen, mit erstaunlichen Ergebnissen.
"October in the Chair" ist eine Geschichte-in-der-Geschichte (ein von Gaiman bevorzugtes Genre), die zur Meditation über Sein und Vergehen, Leben und Tod wird.
"Forbidden Brides of the Faceless Slaves in the Secret House of the Night of Dread Desire" ist eine liebevolle Parodie auf die englische Gothic-Literatur und gleichzeitig eine Reflexion über Realität und Phantasie.
"Bitter Ground" ist der wohl enigmatischste Text der Sammlung und hinterlässt einen verstörten, nachdenklichen Leser.
"Keepsakes and Treasures" und "The Monarch of the Glen" spielen im "American Gods"-Universum. Beide Storys stehen in Gaimans Tradition des Spiels mit Mythologien. "Goliath" hingegen ist im "Matrix"-Universum angesiedelt und lässt den Wunsch aufkommen, dass doch Gaiman den 2. und 3. Teil der Matrix-Trilogie geschrieben hätte ...
Geschrieben ist das alles in Gaimans typischer kühler, eleganter Prosa. Die eingestreuten Prosa-Gedichte sind nicht so mein Fall, aber wie Gaiman im Vorwohrt anmerkt, die gibt's ja eh gratis dazu, das Buch wäre ohne sie auch nicht billiger ... (Und "The Day the saucers came" schafft es, gleichzeitig witzig und melancholisch zu sein!)
Fazit: Häppchenweise lesen, dann hat man mehr davon, auch wenn die Versuchung groß ist, dieses schöne, tiefe Buch in einem Rutsch zu verschlingen.