Hat man es mit Bo Ramsey zu tun, dann ist man irgendwie gut damit beraten zwischen Dr. Bo, dem Rocker, und Mr. Ramsey, dem Begleiter von Folkgrößen zu unterscheiden. Genaugenommen müsste man dann sogar noch einen dritten Namen einführen, um alleine diese Aufnahme kategorisiert zu bekommen, da sie weder das eine noch das andere ist.
Aber der Reihe nach: es gibt den Bo des Rock und - weit besser! - des Rock'n'Roll, des R`n`B und des Blues. Der packt die Sun-Studios so circa 1955 aus und rockt und rollt oder bluest los, mit einer eher nichtssagenden Stimme, aber eben auch mit dieser genialen Rockgitarre und seinem unträglichen Gespür für Tempi und Form und Stil...der R'n'B-Stilarten. Das alles realisiert er auf seinen eigenen Aufnahmen mit eigener Band. Und diesen Dr. Bo gibt es auch als kongenialen Begleitmusiker und Produzenten, z.B. von Brother Trucker, Lucinda Williams, Kevin Gordon etc., deren Aufnahmen er mit seiner E-Gitarre und/oder an den Reglern in Höherwertigeres verwandelt als sie es ohne ihn wären.
Und es gibt den Folk-Musiker-Begleiter Mr. Ramsey. Damit gelingt es ihm immerhin Aufnahmen von Jeffrey Foucault oder Greg Brown teilweise ins Genialische zu transformieren. Und damit sind wir bei - ja wie soll ich ihn jetzt nennen? - ??? angelangt, nennen wir ihn den Kollaborateur von Pieta Brown. Damit erreicht er eine eigene, völlig andere Dimension des, des....ja was ist das? Eine entfernte Form des verhaltenen Alternative-Countrys auf Pieta Browns Soloaufnahmen. Pieta, die Tochter des großen Greg, kreiert unter Hinzuziehung Bo Ramseys an Gitarre und Reglern ihre eigene Form von entschleunigter Nacht-Musik. Kein Mensch käme jemals, egal bei welcher Wetterlage, auf die Idee das frühmorgens zu hören.
Und nun nimmt ausgerechnet dieser Bo Ramsey diese Pieta Brown mit ins Studio, um eine eigene Aufnahme von ihr co-schreiben und co-produzieren zu lassen. Und zum ersten Mal - bei diesem Alterunterschied der beiden - sieht Ramsey wirklich alt aus. Dabei täuscht der Ersteindruck, dass es sich hier um eine Country- oder gar Folkaufnehme handeln könnte. Weit gefehlt. Das ist tatsächlich Rock-Musik - nur eben eine somnambule Form hiervon, irgendetwas, das von vertikal und steil auf horizontal und flach umgemodelt wurde. Ein Soundtrack des wüsten Flachlandes sozusagen. Nicht dass er, Ramsey, deswegen nicht mehr selbst singen oder gar Gitarre spielen darf. Er spielt das sogar mit seiner Rock'n'Roll-Band ein. Nur darf die kaum jemals danach klingen. Ramseys Stimme ist jetzt tatsächlich die eines alten Manns, dem man besser das Mikro voenthalten hätte, und seine Gitarre entspricht hier mehr den Soundtracksounds eines Daniel Lanois, als dass sie weiterhin wie die Backsliders klingen würde. Statt durch die Dancehall zu rocken, tappt man jetzt durch nächtlichen Kaktuswald - somnambul schlafwandelnd. Da drohen zerstochene Finger....