"Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?" -- "Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch [...] trotzalledem den Reichen?" -- "Haben Sie schon einmal gemeint, daß Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen: [...] (f.) die Unordnung in den Schubladen?"
Fragen sind das... Und der erste Gedanke, der sich beim Lesen einstellt: Woher weiß der das nur?!
Dieses Buch enthält alle "Fragebögen" aus Max Frischs "Tagebuch 1966-1971", wo sie auch als gliederndes Moment dienen. Hier nun, aus dem damaligen Kontext herausgelöst, entwickeln die Fragebögen eine ganz eigene Dynamik -- dass sie gescheit und hinterhältig sind, wusste man, aber wie gescheit und wie hinterhältig sie tatsächlich sind, das zeigen sie erst, wenn sie ohne Kontext wirken können... (Freilich, wer das "Tagebuch 1966-1971" bereits hat, kann die "Fragebögen" am Stück lesen und braucht das vorliegende Buch nicht)
Fragebögen sind das, die so ganz anders sind als die Zeittotschläger, die man aus Zeitschriften zum Zeittotschlagen kennt. Frisch formt dieses Genre zur literarischen Gattung und umkreist damit die existentiellen Fragen des Lebens: Die Bedeutung des Individuums, Ehe, das Verhältnis von Männern zu Frauen, Hoffnung, Humor, Geld und Besitz, Freundschaft und Liebe, Heimat, Tod.
Besonders hinterhältig sind natürlich die Nachhaker, diese "Warums" im Nachklapp: "Fürchten Sie sich vor den Armen? "Warum nicht?" -- Frischs Metier ist es, das scheinbar Selbstverständliche in Frage zu stellen. Wie er hier mitunter im unschuldigsten Tonfall die Sicherheiten aushebelt und den Blick auf unerwartete Abgründe freigibt, grenzt ans Geniale. Mit wenigen Fragen, die bereits signalisieren, dass sie kaum ehrlich beantwortet werden, umreißt Frisch hier komplexe Charakterisierungen; hinter jederm Fragebogen lauert bereits ein heimlicher Roman -- wenn's denn nur einer ist.
Übrigens: Die Frage nach dem Reichen in der Badehose konnte ich erst Jahrzehnte, nachdem ich sie zum ersten Mal gelesen hatte, beantworten...