Ob die Jugendlichen im 19. Jh. ein einfacheres Leben hatten als die pubertierende Jugend von heute? Definitiv nicht. In Wedekinds "Frühlings Erwachen" erfahren wir, wie die 14-Jährige Wendla durch fehlende Aufklärung von dem gleichaltrigen Melchior ungewollt schwanger wird. Gleichzeitig verzweifelt Melchiors Freund Moritz bei den Bemühungen, den Ansprüchen der Schule gerecht zu werden. Dies klingt nach mittäglicher Talkshow Szenerie, jedoch finden beide Handlungen ein tragisches Ende. Durch die altertümliche Sprache ist es zu Beginn schwer, sich in die Geschichte hineinzufinden, was allerdings später nicht mehr zum Problem wird. Im Gegenteil: Die Sprache untermalt die Zeit und man bekommt bald das gewisse "Feeling" für das damalige Leben. Mir gefällt die Aktualität des Themas und "Frühlings Erwachen" zeigt, dass es auch in Schullektüren an Spannung und Überraschungen nicht mangelt. Wedekind gelingt es, die übertriebenen Tabus und die Verklemmtheit der Erwachsenen vor 100 Jahren mit einem ironischen Unterton zu kritisieren und ermöglicht der Jugend von heute, durch seine Hauptpersonen, der draufgängerischen Melchior, die naive Wendla und den hilfsbedürftigen Moritz, sich mit ihnen zu vergleichen und einen Einblick in die schwere Pubertät zu bekommen, die jene, jedoch in anderem Ausmaß, selbst nur zu gut kennen. Abschließend bin ich der Auffassung, dass das Buch für eine 9. Klasse perfekt geeignet ist, da es weder pornografisch, wie oft behauptet wird, noch langweilig, sondern interessant, spannend und einfach passend und aktuell für Leser in der Pubertät ist.