Interessant, wenn du heute ein Teenager bist. Du kannst bei der Wahl deiner litearischen Identifikationsfiguren entweder die keusche Bella, ihren marmorkalten Vampir und die völlige Enthaltsamkeit oder Rebecca Martin mit ihrer Kreuberger Bullerbü- Sex- Clique wählen. Klar, ich bin aus dem Alter für beides raus. Ich gehöre zu der Generation, die sich die Art von sexueller Befreiung, welche Martins Figur Raquel angeblich zelebriert,hart erkämpfen musste. Und aus dieser Perspektive - Applaus, Mädels, das ist cool. Da werden keine Taschentücher mehr fallen gelassen, da nimmt man sich den Mann. Moment- wirklich? Ist das so? Wenn man nämlich genau hinschaut, dann ist es bei Raquel eher so, dass sie genommen wird. Zu gut deutsch: Sie bekommt jeden, der sie will. Und es wollen sie ja echt viele, denn sie ist 16 und schön, willig,stellt keine Fragen und lebt in einer liberal- szenigen Kreuzberger Patchwork-Familien- WG Okay, da kann man nicht rumsitzen und warten,daß nachts ein höflicher Vampir durchs Dachfenster fällt und bis zur Hochzeit wartet. Also wird gelebt , wild und intensiv, denn man ist nur einmal jung. Aus dieser Perspektive ist das Buch toll.Es zeigt, wie weit die jungen Frauen es gebracht haben. Sie sind wirklich sexuell frei,wenn sie wollen.
Aber nun zum traurigen Teil: Raquel lässt wirklich nichts aus. Aber -ich hatte nicht den Eindruck, daß Sex ihr Spaß macht. Sie kam mir eher vor wie eine lebendige Beate- Uhse- Puppe. Das ist alles so - so beiläufig, wie man einen Apfel isst, da sprühen keine Funken bei einem One - night - stand,da prickelt nichts, da bebt nicht einmal für eine Sekunde die Erde, das wird nur immer einsamer und trauriger und abgestandener, von Mal zu Mal. Das Mädchen ist erst 16 und sagt, IMMER, wirklich IMMER mache der Sex dann alles kaputt, weil er nie heranreichen könne an die Vorfreude. Und danach fühlt sie sich verbraucht, und benutzt. Sie ist eigentlich weder befriedigt noch zufrieden. Das ist nicht frech, nicht sexy, schon gar nicht erotisch, nicht mutig ist das. Es ist nur einfach eine ermüdende Aneinanderreihung fader, alkoholgetränkter Nummern mit grenzwertig ekligen, verpennten Chauvi-Typen ohne Rückgrat und Charakter, ohne Charme und ohne Sex-Appeal, denen man als alte Emanze eigentlich nur in den szenebehosten Hintern treten möchte. Und je weiter man liest, desto einsamer wird Raquel, desto mehr träumt sie sich eine heile romantische Welt und eine große Liebe herbei und da sitzt man dann (alte Emanze, wie gesagt) und liest das und denkt entsetzt: Ach du Sch... reck. Was für eine Rolle rückwärts!!!!! Und dafür all die Jahre Frauenarbeit????? Da hätte sie ja gleich bis(s) zum Morgengrauen auf den keuschen Vampir warten können!!!!
Es hat mich traurig und resigniert gemacht, wie diese junge Frau mit ihrem Leben, ihrer Power, ihrer Intelligenz, ihrem Talent und vor allem ihrer wahnsinnigen Sinnlichkeit umgeht, denn sinnlich ist sie, das spürt man, sie ist sinnlich und poetisch und das ist auch schön am Buch: Stellenweise von großer sprachlicher Kraft, aber nur, wenn Martin die Stadt, den Sommer, das Leben, die Menschen,den Duft, die Freude an etwas , das NICHTS mit Sex zu tun hat, schildert. Interessant. Insgesamt aber, vor allem emotional enttäuschend, weil man so deutlich merkt, wie die Figur Raquel hinter ihrer dünnen Schicht von Kaltschnäuzigkeit und Rotzigkeit vor allem ein verletzliches Mädchen ist und von der großen Liebe träumt, von dem einen Goldstück in all dem MIST, dem sie begegnet. Und Martin lässt sie ewig aus diesem Entwicklungsprozess nicht rauskommen, lässt sie hängen und den Leser mit. Und so blieb sie mir einfach zu - blass, nciht wirklich männermordend und auch nicht wirklich Prinzessin, einfach zu unentschlossen zwischen Sex and the City und Hedwig Courths- Mahler.