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Frühling in Prag oder Wege des Kubismus
 
 
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Frühling in Prag oder Wege des Kubismus [Gebundene Ausgabe]

Heinke Fabritius , Ludger Hagedorn , Kristina Kallert

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Kurzbeschreibung

Neben Paris war Prag ein Zentrum des Kubismus: Künstler von internationalem Rang wie Emil Filla und Bohumil Kubis¡ta wirkten dort; Architekten, Graphiker und Designer gehörten zu einer kubistischen Avantgarde, deren wichtigste Essays hier erstmals auf deutsch erscheinen. Max Brod begrüßte diese junge Generation als den »Frühling in Prag«, und von der berühmten Kubismusstudie ihres Mäzens Vincenc Kramár¡ sagte Alfred Flechtheim: »Die Kunst kennt keine Grenzen. Große Kunst gehört der ganzen Welt. Die beste französische Kunst macht ein Spanier, das beste Buch über den spanischen Kubismus hat ein Tscheche geschrieben.«

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Einen "Frühling in Prag" kündigte Max Brod im Mai 1907 voller Faszination und Begeisterung in seiner Rezension der jungen, soeben gegründeten Künstlergruppe Osma an, die sich in der böhmischen Metropole auf ihrer ersten Ausstellung präsentierte. Der Name Osma (Die Acht) leitete sich aus der Zahl ihrer Gründungsmitglieder ab, zu denen Emil Filla, Friedrich Feigl, Otakar Kubin, Max Horb, Bohumil Kubista, Willi Nowak, Artur Pittermann-Longen und Antonin Prochazka gehörten. Als junge Maler und Studenten der Prager Kunstakademie wollten sie, jenseits des akademischen Lehrbetriebs und der traditionellen Anbindungen an Wien und München, ihre Position in der internationalen Avantgarde finden und dem gewaltigen Umbruch der Lebenssituation im frühen 20. Jahrhundert künstlerisch Ausdruck verleihen. Vorbilder waren dabei etwa die Künstler der Dresdner Brücke oder die französischen Fauvisten.
Obschon die Osma nur ein Jahr lang bestand und gerade einmal zwei Ausstellungen zeigte, war mit ihrem Auftreten in Prag das unübersehbare Zeichen für eine radikale Neubestimmung der Kunst gesetzt. Es war dies ein Aufbruch, der bald weit mehr als ein bloßer Anschluß des tschechischen Kunstgeschehens an internationale Tendenzen sein sollte. Dürfen die Anfänge der Osma-Künstler noch als expressionistisch gelten, so verbindet sich ihre Entwicklung in den folgenden Jahren untrennbar mit dem Kubismus, der in Prag so früh und so intensiv rezipiert wurde wie kaum irgend sonst. Die Aufnahme und sehr bald auch die eigenständige Ausweitung und Fortführung dieses neuen künstlerischen Weltverständnisses sollte Prag in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einer der großen Avantgarde-Metropolen Europas werden lassen.
Zeitlich fällt diese Entwicklung mit dem Entstehen einer weiteren Künstlervereinigung zusammen, die bald die Nachfolge der Osma antrat: In der Skupina vytvarnych umelcu (Gruppe bildender Künstler) sammelten sich seit 1911 all die Künstler, die für diese neuen Impulse standen. Liest man die hier einleitend vorangestellte Besprechung der zweiten Ausstellung dieser Gruppe (1912) von Bohumil Kubista, so scheint es, als ob auch er, der selbst als einer der profiliertesten Künstler an dieser Ausstellung beteiligt war, kaum fassen kann, was sich hier in wenigen Jahren an Potential einer künstlerischen Erneuerung aufgebaut hat. Neben den meisten der schon erwähnten Osma-Mitglieder gehörten dieser neuen Gruppe auch der Zeichner und Schriftsteller Josef Capek, der Bildhauer Otto Gutfreund, der Maler Vincenc Benes und der Architekt Vlastislav Hofman an, die in diesem Band alle mit zentralen Texten zu ihrem künstlerischen Selbstverständnis vertreten sind. Dabei ist insbesondere auch die Tatsache, daß die "Neue Kunst" hier schnell den engen Umkreis der Malerei verläßt und auf Bereiche wie Plastik, Architektur, Möbeldesign,
Bühnengestaltung etc. übergreift, ein Charakteristikum der Prager Entwicklung, das ihr von Beginn an ganz eigene Schwerpunkte verleiht.
Freilich geschah auch diese Entwicklung nicht ad hoc, sondern hatte in der Zeit um die Jahrhundertwende ein Vorspiel, ohne das die Entstehung der neuen Kunst kaum denkbar wäre. Schon 1887 hatte sich in Prag der "Verein Bildender Künstler Manes" gegründet, der als secessionistische Vereinigung ähnlichen Bestrebungen in Wien, München oder Berlin vergleichbar ist. Benannt nach dem Maler Josef Manes (1820-1871), dem Begründer einer eigenständigen tschechischen künstlerischen Tradition in der k.u.k.-Monarchie, gab dieser Verein seit November 1897 eine eigene Zeitschrift unter dem Titel "Volne smery" (Freie Richtungen) heraus, die schnell zum Sprachrohr der progressiven Künstlerbewegung wurde. Sie sollte eine breite und aufgeschlossene Leserschaft ansprechen und versammelte Essays zu Kunst und Architektur sowie Rezensionen von aktuellen Ausstellungen. Mindestens ebenso wichtig waren aber die vielfachen Aktivitäten von Mânes, die sich auf die Organisation von Ausstellungen konzentrierten. Einige von ihnen wurden zum einschneidenden Erlebnis für eine ganze Generation, so etwa die Rodin-Ausstellung von 1902 oder die Präsentation der Worpsweder Künstler im darauffolgenden Jahr und schließlich -und vor allem - die Schau mit Werken des Norwegers Edvard Munch im Jahr 1905. Diese Ausstellung führte zu einem regelrechten Skandal und sorgte auch innerhalb des Manes-Vereins für heftige Kontroversen, die erste Anzeichen einer sich anbahnenden Spaltung waren. Die von seelischen Nöten und inneren Zerrüttungen gezeichneten Menschen Munchs, die Abbilder der modernen Seele sein sollten, wirkten schockierend auf ein Publikum, das es vorzog, sich diesem Spiegelbild lieber nicht stellen zu wollen. Für viele Künstler der jüngeren Generation hingegen wurde gerade diese Ausstellung zum entscheidenden Orientierungspunkt und Antrieb ihrer eigenen künstlerischen Bestrebungen.
Die Einsicht, daß es kaum möglich sein würde, diesen neuen Impulsen innerhalb des etablierten Kunstbetriebs und seiner Institutionen zu folgen, war einer der entscheidenden Anlässe für die Bildung der Osma. Mit ähnlich ablehnenden Reaktionen, wie sie die Munch-Ausstellung bei Presse und Publikum hervorgerufen hatte, mußten die jungen Künstler aber auch anläßlich ihrer eigenen ersten Ausstellung von 1907 fertig werden. Max Brod, der sich nicht nur unschätzbare Verdienste um die Rettung von Kafkas Werk erworben hat, sondern auch sonst einer der großen literarischen und musikalischen Neuentdecker war (genannt seien nur Hasek oder Janäcek), kann für sich in Anspruch nehmen, als einer der ganz wenigen die intensive, emotional unmittelbare Bildsprache dieser jungen Maler begriffen zu haben. Hingerissen von Willi Nowaks "porzellanblauem Baum", erkennt Brod in der expressiven Farbigkeit und Konzentration die Vorboten einer neuen Geistigkeit in der Kunst, um die beinahe alle der hier versammelten (wenige Jahre später entstandenen) Texte in irgendeiner Weise kreisen. "Die Seele spricht. Sie soll nicht sprechen, der Maler will sachlich sein, aber sie spricht doch", wie es in Brods Rezension zu Emil Filla heißt.
Weit selbstbewußter und programmatisch offensiver als das kurzzeitige Bündnis der acht noch jungen und unerfahrenen Maler trat von Beginn an die Nachfolgeorganisation Skupina auf. Neben der Unterstützung und Bündelung der einheimischen Kräfte ging es ihr - in gewisser Weise in Fortsetzung und Überbietung des allzu konservativen Mdnes-Kreises, von dem sie sich abgespalten hatte - um eine umfassende Beschäftigung mit den künstlerischen Tendenzen der europäischen Avantgarde. Dazu gehörte nicht zuletzt eine engagierte öffentliche Präsentation, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs immerhin zu sechs Ausstellungen führte. Vier davon fanden in Prag statt, die beiden weiteren im Münchener Salon für Neue Kunst und in Herwarth Waldens Berliner Galerie Der Sturm, zu der einige Künstler einen intensiven Kontakt hatten (in diesen Jahren finden sich auch in der gleichnamigen Zeitschrift mehrere Beiträge der tschechischen Künstler).

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