Höhenflug ermüdeter Vögel
Kurt Drawerts «Frühjahrskollektion»
«Dass die Gewichte nicht stimmen, / ahnte ich früh, die Gewissheit, / in einem Finale ohne Finale zu leben, / der Geruch des falschen Jasmin», heisst es in «Rückblick, vierzigjährig», geschrieben vor fast genau sechs Jahren. Eine Lebensspur auch dieses Gedicht, was nicht zuletzt die Ortsangabe Rom beweist, an anderer Stelle Widmungen, Datierungen, tagebuchartige oder ironische, nur bei Kenntnis der Kontexte verständliche Anspielungen: «Den Abflug nicht geschafft, das soziale Netz zerrissen, die Liebe vorbei, die Worte verstummt», berichtet da einer, der «viel herumgekommen» ist, «auch abwärts», der weiss, «Keiner geht verloren / im Adressbuch / des Staatsbeamten». In seinem jüngsten Gedichtband, «Frühjahrskollektion», sichtet Kurt Drawert die Bestände der letzten Jahre, zögerlich, zweifelnd, melancholisch. Doch wer ist dieses Ich, das hier einmal mehr versucht, in Sprache zu fassen, was die beschädigte Sprache gerade noch zulässt? Jedenfalls einer, der am Rande sich findet. Das lyrische Ich dieser Gedichte kennt die zweifelhaften Segnungen von Literaturpreisen genauso wie die Sozialhilfe («ich stehe im brockhaus / und lebe von stütze»), die Niederungen ärztlicher Untersuchungen («Koloskopie») wie die lichten Nachklänge des Guten-Wahren-Schönen («Ihr stolzen, liebenden Schwäne // jetzt liegt ihr aus Glas und in Scherben»). Und der elegische Ton hält stets bewusst, dass in jedem Moment das Andere, Nichtsagbare, Hoffnung und Tod möglich sind. Gerade solche Selbstreflexität und Distanz macht diese Dichtung zeitnah («Die elektronischen Tage verbrennen jetzt besser, / was früher einmal Geschichte genannt war»), weil sie nichts festschreibt, nicht Recht haben will, keine Souveränität vorgaukelt. Nur eines will dieses Ich (und Drawert hat es in seinen Essays, seiner Rede zum Uwe-Johnson-Preis oder in Gesprächen auch theoretisch bekundet): Wahrhaftigkeit. Dieses Ausgesetztsein kann bis zur Grenze des Peinlichen gehen, und es lässt das Schreiben zum Risiko werden. Das ist die Währung, mit der der Dichter bezahlt. Durchaus auf den Knien seines Herzens («Herz», dieses merkwürdig alte, doch immer wieder scheu gebrauchte Wort) sind diese Gedichte dargebracht, auch wenn dieses Ich weiss: «aus den Herzen der Texte / wird keine Sendeminute / mehr herauszuschneiden sein». Schreiben heisst sich selbst lesen. Ein solcher Leser seiner selbst und seiner Mitwelt ist auch dieser Autor, dessen Biographie zwischen Ost und West, zwischen Entfremdung und Ursprungssuche in allen Texten herauszuhören ist. Gleichzeitig sind diese Texte auch Beweis, dass nicht das Ungenügen an einem egal welchem real existierenden System den Schriftsteller in die Gegenposition zwingt, sondern Selbst- und Sprachzweifel. Ganz besonders gilt dies für Gedichte, die zu artikulieren suchen, «was über die Ränder der Brauchbarkeit fällt». Grenzgänge, auch in den Gattungen, Prosa von feinsten lyrischen Schwingungen, Lyrik, parlierend im Gestus, kunstvoll in der Ausführung. Immer wieder sind Verbündete zu hören: Rilke, Hölderlin, Benn, Benjamin, William Carlos Williams, Ingeborg Bachmann, Wilhelm Müller, Eichendorff. Doch Erlösung kommt von Literatur nicht («Die Krankengeschichte des Schreibens / die Niederlagen, die grosse Zwecklosigkeit»), es sei denn die Hoffnung, dass in dieser Verzweiflungsarbeit, den fortgesetzten Lebens- und Schreibfrakturen in letzter Sekunde eintrifft, «was von Anbeginn / versprochen worden war»: das gesuchte und gefundene Wort. In drei Zyklen präsentiert uns Drawert ein Triptychon der Vergänglichkeit, dessen zögerliche Botschaft im Widerspruchspotenzial der Texte selbst sich findet und dessen Sinn sich erst enthüllt, wenn man die Gedichte als ein fortgesetztes journal intime liest. Leitmotive, Bilder, Anspielungen wachsen von Gedicht zu Gedicht. Vögel, Engel, Landschaften und Dämonen des Alltags sie sind die Bilder, die gelernt, aber auch wieder vergessen werden müssen. So entwickeln die Texte eine eigene Dynamik, finden Mut zu alten Formen und grossen Themen, wenn auch ironisch gebrochen. Denn «was uns mürbe und klein macht / ist die Belanglosigkeit unserer Tage». Weil aber Dichtung, wie der Autor in einem noch in der DDR geführten Gespräch sagte, gerade dadurch sich erneuert, «dass es aus einer Übereinkunft mit dem Bekannten hervorgeht, aus dem es dann seine Wertmassstäbe bezieht», lesen wir in Drawerts neuerlichem «Privateigentum» neben den Registraturen unserer Wirklichkeit und mehr noch unseres Wirklichkeitsverlustes auch Liebes- und Erlebnisdichtung von wunderbarer Zeitenthobenheit und Schönheit. Solche «Idyllen, rückwärts» sind keine Nostalgie, eher Kassandrarufe angesichts unseres vermeintlichen Fortschritts. Dennoch, aus solchem «Abfall», aus Schreckenswörtern wie «leicht», aus den von der Werbeindustrie okkupierten Träumen steigt Phönix, und «Rettung, / wenn überhaupt, / kommt von den Fehlanzeigen». «Kurz vor der Selbstabschaffung» also immer noch «die Sehnsucht nach einer Botschaft». Es sind die Gedichte selbst, die diese Hoffnung bezeugen. Wer heute dem mühsam gefundenen Wort trotz allem vertraut, muss weiterschreiben. Iris Denneler
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 25.11.2002
Mit seiner Sammlung von 61 Gedichten zeige Kurt Drawert, staunt Hans-Herbert Räkel, dass er den Worten "ein beinahe grenzenloses Vertrauen" schenkt. Was allerdings auch für den Leser bedeute, dass er der "vielschichtigen Ironie" des Autors folgen muss, meint der Rezensent. Es ist schon "bemerkenswert", findet Räkel, dass es dem Lyriker in seinen Gedichten immer wieder gelinge, die didaktische Rede unterzubringen und sie mit einer neuen Bedeutung zu versehen, was ihn zu einem Fachmann mache, wie man ihn unter Lyrikern heutzutage eigentlich weniger finde. Zwar sei es Drawert nicht in jedem Gedicht gelungen, diese Autorität aufrecht zu erhalten, trotzdem aber ist der Rezensent von den meisten der in diesem Band zusammengetragenen Gedichte hingerissen.
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