Neue Zürcher Zeitung
Wortwege
B. En. Eine lyrische Wandererfantasie in knappster Form entwirft Kay Borowsky mit seiner Sammlung «WortWege». Es sind aphorismenähnliche Anmerkungen, Notizen, Sentenzen, Keimlinge von Gedichten. Sie wollen «den Leser auf den Weg führen: Wortwege müssen Wanderwege werden», schreibt der Autor in seinem Vorwort. Einmal hält er auch fest: «Zu erreichen ist nichts, / zu erwandern alles.» Inhalte östlicher Weisheitslehren mögen ihn fasziniert haben, manches bezieht er auch aus dem geduldigen Hinsehen und Hinhören auf kleinste Regungen, und nicht selten lässt er sich vom Wirkungsgesetz des Paradoxons fortreissen, das ihm dann eine denkwürdige Reflexion wie diese eingibt: «Unser Schwanken erhält / das Gleichgewicht des Lebens.» Gerhard W. Feuchter hat diese anregenden Sprüche «Zeichen in der Unwegsamkeit» auch sie mit grosszügig empfundenen Linolschnitten versehen und damit zur bemerkenswert schönen Gestaltung dieser Publikation beigetragen.
Sekundenstil
amo. «Stilleben mit Menschen» ist das Romandébut der 1964 geborenen Autorin, die bereits für ihre Kurzprosa ausgezeichnet wurde. Der stark autobiographische Text (Susanne Geiger hat in Tübingen bei Walter Jens studiert) beschreibt im Rückblick die Stationen eines als Odyssee erfahrenen jungen Lebens: vorläufiges Ziel die Psychiatrie, davor ein Amoklaufen mit wechselnden Fahrzeugen und Männern, der Verlust des einzigen Geliebten, Fragmente eines Studiums, weiter davor die Gewalt des schizophrenen Vaters und die Gewalt der opferbereiten Mutter. Das Buch könnte pauschal der langen Reihe weiblicher Betroffenheitstexte zugeschlagen werden, würde es sich nicht stilistisch deutlich abheben. Bei allen geschilderten Visionen und Angstsequenzen hält die Autorin an der unmittelbar wahrgenommenen Alltagsrealität fest. Dabei entstehen genaue Genrebilder und Miniaturporträts aus der universitären Kleinstadt und ihrem schwäbischen Weichbild. An den besten Stellen gelingt ein lakonischer Sekundenstil, der Nichtigkeiten so notiert, dass sie umschlagen in symbolische Zeichen einer Welt, die vielleicht gar nicht mehr zu uns spricht. Eine natura morte ist ein Bild, auf dem nichts Lebendes dargestellt wird. «Stilleben mit Menschen» ist ein Anschreiben unter dem Paradox: «Jemand muss die Seele in den Dingen sehen, damit es sie gibt. Und gibt es auch Dinge, die keine Seele haben?»
Frühchristliche Kunst
gkd. Zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert erfuhr die griechisch-römische Kunsttradition eine tiefgehende Umformung. Christliche Antikenadaption gab der Kunst neue Inhalte und führte zu gestalterischen Lösungen, die teilweise noch bis ins 19. Jahrhundert verbindlich bleiben sollten. Als Band 453 der Urban-Taschenbuchreihe hat Guntram Koch ein Buch verfasst, das keine Geschichte der frühchristlichen Kunst sein will, sondern die Epoche in Form einer Einführung vorstellt. Nach Gattungen getrennt, werden die unterschiedlichen Gestaltungsaufgaben der Kunst in knapp gehaltenen Artikeln dargelegt . Einzelne Stichwörter, Bezeichnungen und Begriffe sind bei dieser übersichtlichen Gliederungsweise leicht aufzufinden. Auch das nach Ländern geordnete Verzeichnis von Museen und Sammlungen mit frühchristlicher Kunst sowie ausführliche Literaturangaben zu jedem Kapitel machen das Bändchen zu einem brauchbaren Nachschlagewerk. Allerdings erscheint der Preis dafür zu hoch gegriffen.
Baudelaire/Paris
P. Sc. Der bedeutendste französische Dichter der Neuzeit hat uns seit langem viel zu sagen. Auf der Hand liegt es, dass Baudelaires Werk zum Thema weitverzweigter, vielschichtiger Forschung werden konnte. Beiträge in Zeitschriften ebnen häufig den Weg für umfassendere Monographien. Dabei ist es von Vorteil, wenn sie nicht allzu verzettelt sind. Eine solche (stets auf Ausgewogenheit zielende) Bündelung nahmen von 1959 bis 1991 die «Etudes baudelairiennes» vor. Als Herausgeber zeichneten Marc Eideldinger und Claude Pichois; das renommierte Neuenburger Verlagshaus La Baconnière sorgte für gediegene Aufmachung. Nach vierjährigem Unterbruch startet nun Claude Pichois zusammen mit John E. Jackson eine neue Folge: «L'Année Baudelaire». Der erste Band ist einladend gestaltet und bietet auch inhaltlich, von jüngeren Forschern beigebracht, viel Interessantes. Er ist den widersprüchlichen, aber fruchtbaren Annäherungen des Dichters an die Stadt Paris gewidmet. Baudelaire erhebt sie zur Allegorie: er versteht sie nicht mehr bloss als abstraktes Symbol (das etwas anderes «bedeuten» soll), sondern als Kern artistischer Kristallisationen, die ihm u. a. helfen, sein poetisches «Ich» zu fassen und damit zu stabilisieren: «Paris change, mais rien dans ma mélancolie / N'a bougé! palais neufs, échafaudages, blocs, / Vieux faubourgs, tout pour moi devient allégorie.»
Kant, pragmatisch
ujw. «Kant-Forschungen» gibt es in unüberschaubarer Anzahl. Dem Anspruch allerdings, mit Kant zu philosophieren und nicht nur über ihn zu räsonieren, unterstellen sich in der Gegenwart nicht eben viele Denker von Profession. Volker Gerhardt, der seit drei Jahren an der Humboldt-Universität zu Berlin unterrichtet, ist einer von ihnen. Auch seine soeben erschienene Interpretation von Kants Entwurf «Zum ewigen Frieden» rechtzeitig zu dessen Publikationsjubiläum atmet den Geist eines gegenwartsoffenen Kantianismus. Mit Dolf Sternberger und gegen Carl Schmitt zeichnet er, Kants kleine, aber gewichtige Schrift auslegend, in Umrissen eine Theorie der Politik, der der Begriff des Friedens als «Grund, Merkmal und Norm» des Politischen gilt. Eingebettet wird diese Theorie in das Konzept der anthropologisch gedeuteten (gewendeten) Transzendentalphilosophie Kants. Vor dem Hintergrund einer solchen «lebensnahen» Aneignung der Vernunftkritik verwundert es nicht, wenn die «relative Eigenständigkeit», die der Moralphilosoph Kant dem «pragmatischen Handlungsraum der Politik» zubilligt, stärker akzentuiert erscheint als in anderen Interpretationen. Aufschlussreich auch, wie Volker Gerhardt die Französische Revolution als den Wendepunkt markiert, der Kants Urteil über die weltpolitische Notwendigkeit und Möglichkeit eines «ewigen Friedens» verändert.
Mozarts «musikalische Biographie»
rur. Zweifellos ein Mozart-Buch, das keine Sensationen bietet und nicht Klischees durch neue Hypothesen ersetzt. Es handelt sich hier insoweit um eine «musikalische Biographie», als Mozarts Lebensstationen im Hinblick auf einzelne der vielen Werke angeleuchtet werden. Der Gesamtanlage der vierzig Kapitel ist anzumerken, dass der Autor über Mozarts Konzerte promoviert und bereits «Das Konzert. Form und Forum der Virtuosität» (1993) herausgegeben hat. Hier dominieren Mozarts Konzert- und Sonatenformen eindrücklich. Der Band befasst sich auch mit musikalisch weniger ergiebigen Fragen wie der genaueren Datierung der Maurerischen Trauermusik KV 477 im Jahr 1784 und möglichen alternativen Motiven der Entstehung. Feinere musikalische Einblicke in Fragen der Werkstatt bietet das Kapitel «Wie kam es zum A-Dur-Klavierkonzert KV 488?». Anhand plausibler Notenbeispiele zeigt sich bei Änderungen und Alternativthemen, in welchem Mass sich die Gestaltungsbedingungen der anderen Sätze änderten, wenn Mozart sich für neue Aspekte bei einem einzelnen Satzcharakter entschloss. Der minuziös abgefasste Anmerkungsapparat ist überaus nützlich.
Adorno und die «moderne» Theologie
upj. Geht es um die Zukunftsfähigkeit (bzw. Überwindungsbedürftigkeit) des Projektes der Moderne, so gilt den jeweiligen Kontrahenten, welchen Standpunkt auch immer sie vertreten, Horkheimers und Adornos «Dialektik der Aufklärung» noch immer als unverkennbares Zeichen eines Epochenumbruches. Der aporetische Charakter des Aufklärungsunternehmens «warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt» gab Anlass zu radikalem Hinterfragen aufklärerischen Denkens, und seither sind viele «Verteidiger» und «Verächter» der Vernunft dieser Denkspur gefolgt. Der Münsteraner Theologe José A. Zamora gibt hier eine weitere Wegmarke. Zamora nimmt zwar Habermas' Vorschlag eines Rückganges hinter die «Dialektik der Aufklärung» auf, aber mit einer gleichsam gegenläufigen Intention: Adornos Frühwerk wird in der Absicht untersucht, dem «anamnetischen Denken», das eine «Halbierung der Rationalität» (gemeint ist das Stehenbleiben beim Noch-Nicht-Theoretischen) dokumentiert und kritisiert, auf die Spur zu kommen. Wiewohl Adorno selbst bestritten hat, dass die Theologie als Form des nachidealistischen Denkens bestehenbleiben könne, ist Zamoras Arbeit gerade wegen der in ihr unternommenen Befragung der modernen Vernunft hinsichtlich ihres verdeckten theologischen Erbes fruchtbar.
Navigationen
rox. Wie stark die Orientierung in der Welt und mehr noch zur See abhängig war von der Entwicklung mathematischer Hilfswissenschaften, zeigt anschaulich das populärwissenschaftliche Werk von Bernhard Kay. Der Autor hat seine nautischen Kenntnisse, gesammelt als langjähriger Instruktor für Navigation, zu einem kulturwissenschaftlichen Tour d'horizon zusammengefügt, der von der Sanduhr bis zum Chronometer reicht. Seit dem frühen 16. Jahrhundert, seit der Erfindung des deutschen Gelehrten Mercator, der als erster die Erdoberfläche winkelgetreu auf Karten zu übertragen verstand, ist jeder Punkt der Erde genau bestimmbar. Die Begegnung von Raum und Zeit ist seither nicht mehr nur ein spekulatives Ereignis. Sie ist «praktisch» geworden und lässt sich nun anhand einer nautischen Formel «40º N, 30º W» auf den Punkt bringen. Aufwendige Illustrationen altes Kartenmaterial, Astrolabien, Globen, nautisches Gerät, Navigationshandbücher geben einen Einblick in die Wissenschaft der Orientierung.
Neue deutsche Sitten
lx. Der zwischenmenschliche Umgang ist herzlos, der Geschäftston rauh, der Deutsche hasst bleierne Rituale und äffische Höflichkeit, und das Bekenntnis zum «ehrlich Unmanierlichen» gilt ihm als sekundäre Bürgertugend, denn in deutschen Landen kommt Natur vor Kunst . . . In dieser «unsittlichen» Bestandesaufnahme geht Cora Stephan mit ihren Landsleuten hart ins Gericht. Unhöflichkeit sei ein weltumspannendes Kennzeichen deutscher Kultur, schliesslich stehe gutes Benehmen im Verdacht der Servilität, und das wolle jeder Deutsche tunlichst vermeiden. Wiewohl munter geschrieben und voller Einsichten, denen man zustimmen kann, bleibt der Befund der Autorin ebenso trostlos, wie die Analyse weshalb ist der Deutsche ein Flegel? wenig Aussicht auf Besserung verspricht. Der Deutsche ist ein Held der Einsamkeit, ein Selbsterfahrener, ein Ikea-Selbstbau-Typ, ein Bedienter, schliesslich ein Mensch in der Masse, der den Lohn der Angst «lass mich, wie ich bin» einstreichen will. Ein unhöfliches, wiewohl vielleicht nötiges Buch, ironisch und ohne Berührungsängste geschrieben.
Theater in der Karibik
süt. Es ist wenig bekannt, dass der Lyriker Derek Walcott, gebürtig vom Inselstaat St. Lucia in der Karibik und 1992 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, auch Dramatiker ist. Neben seinem lyrischen (und malerischen) Werk entstanden seit den fünfziger Jahren Theaterstücke, die in der Karibik und früh auch schon in Nordamerika und England aufgeführt wurden. Walcott steht am Anfang des modernen englischsprachigen Theaters in der Karibik. 1959 gründete er den Trinidad Theatre Workshop in Port of Spain, eine Art karibisches Berliner Ensemble, welches er bis 1976 auch leitete und für das er seine Stücke schrieb. «Derek Walcott and West Indian Drama» von Bruce King ist die erste detaillierte Studie über das Entstehen des anglophonen karibischen Theaters und über Walcott als Theatermann, der auch Regie führte, Bühnenbild und Kostüme entwarf und Sponsoren suchte. Es ist auch die erste umfassende Geschichte des Trinidad Theatre Workshops, dessen Entwicklung King bis 1993 dokumentiert, alternierend mit Kapiteln über Walcotts dramatisches Schaffen bis zum selben Jahr. King ist Herausgeber von «West Indian Literature» (1979), einer exzellenten Einführung in die englischsprachige Literatur der Karibik. Sein neues, anregend geschriebenes Buch ist auch ein Stück Ideengeschichte. Es vermittelt den historischen und kulturgeschichtlichen Hintergrund, ohne welchen der Dramatiker Walcott und seine Theaterarbeit nur unvollständig verstanden werden können.