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Hürlimann hat eine federleichte Prosa geschrieben, an der bald weniger das sexuelle Erwachen des Halbwüchsigen interessiert als die Schrullen der beiden Hauptfiguren -- beide überdies heute noch hochbetagt in St.Gallen lebend. So erzählt Hürlimann von einer verstockten Welt in der Schweizer Provinz der anbrechenden 60er-Jahre, in denen Sitte und Strenge über die allzu menschlichen Regungen eines Pubertierenden wachen. In denen die zehn Gebote Gottes über allem stehen -- und fleißig von denen gebrochen werden, die sie mit Verve predigen. Immer wieder berichtet Hürlimann von ausschweifenden Kneipenbesuchen des Monsignore und von heimlichen Sehnsüchten des Fräulein Stark, das an der Pforte zur Bibliothek am liebsten einen Kiosk betriebe (und ihn am Ende auch bekommt). Hürlimann verwendet viel augenzwinkernde Zuneigung für die beiden Figuren. Darum auch bleibt unverständlich, weshalb die noch lebenden Porträtierten gegen das Buch in der lokalen Presse wetterten. Unnötig ist diese Begleitmusik schon deshalb, weil man sich mit Hürlimann zwei gute Stunden lang blendend unterhält. Seine Prosa ist geschliffen, seine Sprache witzig -- und am Ende nimmt der Autor sich selbst so wenig wichtig wie die beiden Figuren. --Carlo Bernasconi -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Vorschule der Erotik
Thomas Hürlimanns Novelle «Fräulein Stark»
Wie sollte er ein anderer werden? Die Frage trieb ihn um, ehe er überhaupt etwas oder einer oder vielleicht gar vieles und viele war. Und noch ehe er wusste, was oder wer oder wie er war, ahnte er, dass es so oder anders das Falsche wäre. Die Natur drängte ihn in die eine, das ihm eingepflanzte Über-Ich in die andere Richtung. Lernte er das eine zu verachten, wusste er vom anderen, dass es doch eigentlich wider seine Natur sei. Lockte ihn jenes mit dunklen Verheissungen, so gelobte er, inbrünstig und doch halbherzig, dieses andere zu erstreben.
In seiner Novelle «Fräulein Stark» zeichnet uns Thomas Hürlimann ein Porträt des Künstlers als Jüngling, erzählt er, wie einer sich in Törless' Nachfolge begibt, und lässt der Autor für die Dauer eines Sommers die Zeit stillstehen. In diesen zeitlosen Raum stellt er seine Figur: Kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen, stehen dem Knaben ein Abschied und ein Aufbruch bevor. Doch solange der Sommer anhält, befindet er sich in einem Schonraum, in einer Auszeit. Das verhindert freilich nicht, ja trägt dazu bei, dass ihn nun zum ersten Mal, wie es scheint, die Grundfragen des Lebens in Bedrängnis bringen. Darunter zwar die erste, doch längst nicht die beunruhigendste: Wer bin ich und weshalb bin ich, wie ich bin?
Ein literarischer Kosmos
Das Wiedererkennen gehört wohl zum Reizvollsten in Thomas Hürlimanns stetig wachsendem Werk. Immer wieder lockt es diesen Schriftsteller an die gleichen Schauplätze zurück, und immer wieder begegnen wir in seinen Novellen und Erzählungen vertrauten Figuren. So glauben wir allmählich, hier einen Epiker am Werk zu sehen, der uns zwar immer neue Geschichten erzählt, der aber dennoch unentwegt an einer einzigen grossen, an einer weit aufgefächerten und dennoch nie ausufernden Erzählung fortschreibt. Und mag er noch so beharrlich und ausdauernd seinen Stoff und seine Topoi umkreisen, so gestaltet Thomas Hürlimann doch nur mit grösster Behutsamkeit, was ihn seit nunmehr zwanzig Jahren an den Schreibtisch treibt.
Der sterbende Bruder, die Mutter oder der Grossvater gehen in vielerlei Verwandlungen durch seine Texte; das Kloster Einsiedeln und überhaupt die Kindheitsorte der katholischen Innerschweiz bilden ein eigentliches literarisches und geistiges Epizentrum in diesem zwar nicht expandierenden, so aber an Dichte zunehmenden Kosmos. Doch ungeachtet ihrer vielfältigen Wiederkehr geben diese immer neu gestalteten Figuren und Schauplätze nie ihr Letztes preis. Die kräftigsten von Thomas Hürlimanns Texten darunter einige Prosastücke in «Die Tessinerin», «Grossvater und Halbbruder» oder «Der grosse Kater» stehen im Bann einer verschwiegenen und unauslotbaren Mitte. Mit grosser Diskretion bewahren seine Figuren gerade dort, wo sie uns aufs Schönste vertraut scheinen, ein nie ganz zu ergründendes Geheimnis.
Nun formt Thomas Hürlimann in seiner jüngsten Novelle eine rite de passage zur so mag es bisweilen scheinen barock-deftigen Burleske. Als Knabe verbrachte der Ich-Erzähler einen langen Sommer bei seinem Onkel, der als Prälat der Stiftsbibliothek in St. Gallen vorsteht. Hier, wo die Zeit stillzustehen scheint, hier, auf der «Bücherarche», wo alles dem Wandel der Zeiten trotzt, hielt auch für das Kind die Zeit einen Augenblick inne. In der trunkenen Trägheit dieses Sommers nimmt der Knabe Abschied von seiner Kindheit: Denn am Ende des Sommers erwartet ihn die Pforte der Klosterschule Einsiedeln.
Dem Knaben hatte der Prälat und Onkel ein lebenspraller Büchermensch ein Amt übertragen: Er sollte als Pantoffelministrant den Besuchern der Stiftsbibliothek die Filzpantoffeln überstreifen, damit der kostbare Holzboden des Büchersaals keinen Schaden nehme. Kniend, als sei er ein Büsser, versieht der Knabe seinen Dienst: «Arbeit war es nicht, eher Hingabe, Verehrung, das stumme Gebet eines Knienden, der aus dem Knistern von Unterröcken das Innere der Geheimnisse flüstern hört.» Und wenn er einmal, selten genug, den gesenkten Blick hebt, ist es ihm, zumal bei den weiblichen Gästen, als blicke er in freilich verlockende Abgründe.
Dieses aufreizend Verhüllte und so unheimlich Anziehende versetzt nicht nur die Gefühle des Knaben in Aufruhr. Als schwarzes Loch des schlechthin Unbekannten wird dieses Verborgene zum Sinnbild all dessen, was am Ende der Kindheit das erwachende Bewusstsein ausmacht: eine ahnungsvolle Leere und ins Unbekannte weisende Sehnsüchte. Die anfänglich scheuen und dann immer begehrlicheren Blicke hinauf in die Rock-Himmel seiner Filzpantoffel-Kundinnen präludieren und stimulieren zwar auch den erwachenden Eros. Hürlimann aber lässt seinen Helden über das Vordergründige hinausblicken und mag dabei vielleicht auch an Courbets «L'origine du monde» gedacht haben. Denn das Kind ahnt, dass seine Herkunft und seine Zukunft mit diesem schwarzen Loch in einem noch ganz ungeklärten Verhältnis stehen.
So wohnen wir denn dem Versuch einer Selbstfindung bei, die als Vorschule der Erotik längst schon im Zeichen der Schuld steht. Der Knabe gerät dabei in das Kräftefeld widerstreitender Gefühle und Mächte. Sein Onkel, der alles Sinnliche im Geistigen aufgehoben wähnt, dem aber noch die Lektüre der Bibel zum erotischen Akt gerät, registriert die sexuelle Neugier des Neffen mit stiller Genugtuung. Das titelgebende Fräulein Stark hingegen, die Haushälterin des Onkels, auch sie eine Virtuosin der unvollendeten Sublimation, versucht den Zögling auf den rechten Weg des Triebverzichts zu zerren, und stachelt doch, mit ihrem nur zu berechtigten Argwohn, die Begierden und Sehnsüchte des Jungen an. Die beiden stehen mit vertauschten Rollen zwar an Mutters und Vaters Statt. Der Onkel zieht, wenn er in einer tausendjährigen Bibel blättert, seidene Handschuhe an, «schwarz wie die Dessous meiner Mama», im Übrigen trägt er Priesterröcke, das Fräulein Stark dagegen «am liebsten Hosen». Erst am Schluss, zum Abschied, erwartet sie den Knaben in einem Faltenrock, da freilich sollte sich der zukünftige Klosterschüler seinerseits schon bald in eine Mönchskutte kleiden müssen, die noch einige Zeit nach dem Schweiss des Vorgängers riechen wird.
Bruchstücke einer Geschichte
Doch der Konflikt, den der Knabe in diesem Sommer mit sich auszufechten hatte, wird dann noch längst nicht ausgestanden sein. Ob das von diesem Onkel mütterlicherseits geerbte Triebhafte, das Lüsterne und Erdige oder ob das vom Fräulein Stark und von allen folgenden klösterlichen Sittenwächtern dem Jungen eingeimpfte Tugendhafte obsiegen werde, ist einerlei: Ohnehin wird der Heranwachsende noch ganz andere Erschütterungen zu bestehen haben. Und er wird lernen, dass weder sein Onkel mit seinem Leitspruch Nomina ante res und dem Glauben an die Vorbestimmung noch das Fräulein Stark mit ihrem unbedingten Vertrauen in die sittliche Willenskraft lebenstaugliche Vorbilder sein können.
Eine Antwort auf die Frage nach dem Ich und seiner Wesensart suchte der von Selbstzweifeln geplagte Knabe; er suchte sie in der Geschichte seiner Familie, die er bis in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts verfolgt. Er findet und erfindet, was wir als Leser dieser Erzählung in die Hand erhalten: Bruchstücke einer Geschichte, die wir zu kennen und wiederzuerkennen glauben und die uns doch ganz unverbraucht, ganz unerhört neu erscheint. Einer allerdings kam sich in der Novelle zur Unkenntlichkeit entstellt vor: Johannes Duft, ehemaliger Stiftsbibliothekar und Onkel von Thomas Hürlimann, verwahrte sich mit einer zehnseitigen Erklärung gegen die «bösartigen Unterstellungen» (NZZ 18. 7. 01) und macht sich damit selber und leider auch das Buch zum Gegenstand einer Provinzposse.
Roman Bucheli -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Das Buch ist gut, weil hier sommerlich-leicht die Geschichte eines Jungen erzählt wird, der in seine letzten unbeschwerten Ferien vor dem Eintritt in eine Klosterschule bei seinem Onkel und dessen Haushälterin verbringt. Der Onkel ist Stiftsbibliothekar und Prälat einer bedeutenden Bibliothek, ein vergeistigter, weltfremder, wortverliebter Mann, der für die Bibliotheksbesucher launige Führungen veranstaltet, aber alle weltlichen und praktischen Dinge seiner Haushälterin, Fräulein Stark, überlässt. Dieses Fräulein Stark ist daher die heimliche Herrin der Bibliothek, die mit Bauernschläue, Sittenstrenge und Geschäftssinn die Geschicke der Bücherei bestimmt.
Der jugendliche Ich-Erzähler erhält die Aufgabe, an die Besucher und vor allem die Besucherinnen der Bibliothek Filzpantoffeln zum Schutz des kostbaren Parkettbodens auszugeben: Er nutzt diese Position (in doppeltem Wortsinn), um anfangs verstohlene, später raffiniertere, spiegelbewehrte Blicke unter die Röcke der Besucherinnen zu werfen und wird dabei von Fräulein Stark ertappt: Die Haushälterin versucht, den Onkel zu einer harten Bestrafung des jugendlichen Missetäters zu bewegen.
Die entsprechenden Passagen und die völlig weltentrückten, intellektuell-abschweifenden Monologe des Onkels gegenüber dem Erzähler, die eher augenzwinkerndes Einverständnis als Entrüstung vermitteln, sind höchst amüsant, wie überhaupt die Figur des Onkels prachtvoll gelungen ist. Die Figur des Fräulein Stark, obwohl titelgebend, erscheint mir dagegen zwar nicht ganz so liebevoll herausgearbeitet, aber dennoch ist das Buch in seinem Humor, einigen erotischen Augenblicken und dem meist gelungenen Sprachwitz ein ganz klarer „Vier-Sterne-Fall".
Was diese humorvolle Geschichte für mich überschattet, sind die Stellen im Buch, wo begründet wird, warum der Ich-Erzähler häufiger zum Onkel „abgeschoben" wird, nämlich weil seine Mutter mehrmals eine Geburt erwartet, aber dann doch wieder Fehlgeburten erleidet. Dies wird so unnütz und unangemessen eklig und dem Stil des ganzen restlichen Buches entgegen geschildert (sie gebärt „einen blutig verschleimten Klumpen, den man ... an die Schweinemäster abgab"), dass für mich der Spaß am Buch deutlich und nachhaltig eingetrübt wird (Ich kann so etwas lesen, wenn es zum Thema gehört, hier ist es jedoch katastrophal fehl am Platz). Dies ist sicher subjektiv, eventuell überreagiert, aber dieses Bild habe ich innerlich mit dem Buch verknüpft und konnte es daher nicht unerwähnt übergehen...
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