Viele Jahre lang bin ich am Bücherregal meiner Eltern entlanggegangen und Fräulein Smilla sprang mir des öfteren ins Auge(zweite Reihe von oben viertes Buch links). Nur konnte ich mich nie dazu durchringen es in die Hand zu nehmen und zu lesen. Bis mir nun der Lesestoff ausging und ich es notgedrungen mit nach Hause nahm. Ich muss sagen, ich habe es bereut'
Der Autor hat zweifellos schriftstellerisches Talent und sprachtechnisches Können. Er spannt einen unglaublich komplexen Handlungsbogen, der mit dem Tod eines kleinen Jungen in Dänemark beginnt und in der eisigen Kälte Grönlands endet. Dazwischen führt er den Leser auf eine Reise, auf die ich ihm, ehrlich gesagt, nicht immer voller Begeisterung folgen mochte. Smilla ist eine faszinierende und schillernde Persönlichkeit, die zu Beginn erfrischend zynisch und sarkastisch daherkommt, aber nach und nach doch leicht psychopathische Züge annimmt. Sie ist keine Figur, zur der man leicht eine Beziehung aufbaut und ihr Handeln ist nicht immer nachvollziehbar. Das macht es schwer, den Funken überspringen zu lassen. Überhaupt haben die ganzen Personen in dem Buch etwas scherenschnittartiges und plakatives. Handlungsbögen tauchen plötzlich auf und verlaufen im Sand, was ich mehr als ärgerlich fand. Was wollte Hoeg damit bezwecken, falsche Fährten legen? Wenn ja, dann ist das schwerlich geglückt'
Und ja, man merkt auch, dass der Autor seine Hausaufgaben gemacht hat. Aber seitenlange Recherchearbeit über den Aufbau eines Schiffes interessieren den Laien nun denkbar wenig und sorgen nicht gerade für zusätzlichen Spannungsaufbau. Sehr gut gelungen fand ich allerdings die Darstellung des ambivalenten Verhältnisses der Länder Dänemark und Grönland und die Passagen über das Leben der Inuit. Diese Erläuterungen fand ich zumeist spannender als das Handlungsgeschehen selbst. Allgemein ist für meinen Geschmack das Buch zu wissenschaftlich um wirklich Spannung zu erzeugen. Obendrein die unpersönlichen Figuren und raus kommt nur eine mäßige Neugier auf den Ausgang der Geschichte'
Aber was letztendlich dem ganzen die Krone aufsetzt, ist dieses unglaubwürdige Ende! Himmel hilf, und deswegen haben wir uns nun über 500 Seiten gequält? Ich habe mich schon gefragt, was es in Grönland so wichtiges geben kann, um dafür zu morden. Nun, jetzt weiß ich es, danke für die gestohlene Zeit. Das Ende hätte einem mäßigen Hollywoodthriller entsprungen sein können. Dazu kommen zu viele ungeklärte Fragen, mit denen der Autor den Leser im Regen stehen, oder in diesem Fall, im Schnee stecken lässt. Deswegen leider nur zwei von 5 Sternen!