Ich möchte mich hier nur über den Film äußern - nachdem ich die bisherigen Besprechungen gelesen habe: Nun, Kino ist Herzenssache und ob man einen Film mag, das muss aus dem Bauch kommen. Man mag zurecht einwenden, "Vier Minuten" sei wenig realistisch, von den Figuren her konstruiert. Der Autor und Regisseur hätte es nicht lassen können, neben anderen Stereotypen auch traumatisierende Themen von Schuld und Verrat aus dem dritten Reich einzubinden, dennoch: es hat mich seit langem kein Kinofilm mehr so "abgeholt" und in Bann geschlagen. Die Frage nach den Wurzeln dessen, was wir da an seltsamen Verhaltensmustern zu sehen bekommen, ist ja der Einstieg in die Geschichte und wenn Jenny auf viele Zuschauer abstossend wirkt, so ist diese Provokation nicht ungewollt. Ich liebe den Film für die Wucht, mit der er seine Geschichte ausbruchsartig vorantreibt. Die Getriebenheit der beiden Frauen, die nur scheinbar nichts miteinander gemein haben und im Laufe der Zeit diese Distanz zueinander opfern müssen, weil sie begreifen, wie sehr sie sich brauchen und einander Sinn zu stiften imstande sind, ist mir durchgehend plausibel gewesen. Die Vergrößerung und Verdichtung von Realität gehört zum Wesen des Kinos und es ist legitim, wenn "große Bilder" (Frauenknast, Wärterfrust, Mißbrauch, Kriegserinnerungen und Freundesverrat) die Intensität der Darstellung stützen. Ob die Chiffren für jeden so taugen, darf bezweifelt werden, aber das ist glücklichweise Geschmackssache - sage mir "Deine Filme", und ich sage Dir, wer Du bist...
Die Bilder des Kinos sind eben ("Motion Picture" nicht nur im Sinne bewegter Bilder, sondern auch bewegter Zuschauer) immer Bilder der Seele, in diesem Falle der leidenden Psyche, die gegen Beschränkungen aufbegehrt und erlittenen Schmerz nicht hinter sich lassen kann und einen endlosen Kampf in alle Richtungen ficht. Oder der anderen Seele, die nach dem Sinn des Daseins fragt - und diese Frage mangels Alternative mit dem Streben nach Vervollkommnung (in der Musik) beantwortet. Ewig gültige Fragen und Themen für jeden (geistig) lebendigen Menschen, wenn auch die Figuren des Filmes wenig alltägliche Umstände zu bearbeiten haben. Ich danke aufrichtig für diesen Film, der Vorläufer "Scherbentanz" trug die gleiche Handschrift, hier wie dort bestechen starke Darsteller in präziser Besetzung in stimmigen Kamerabildern das Geschehen, in "Vier Minuten" spielt die exzellente Filmmusik die (dritte) Hauptrolle. Für mich mit Abstand der beste deutsche Film des Jahres 2007.