Oh mein Gott! Ist das zu fassen? Eine britische Komödie über Selbstmordattentäter, die wirklich witzig ist, ohne dabei an Ernst- oder Glaubwürdigkeit zu verlieren? Darf man wirklich über fünf fanatische Glaubenskrieger lachen, die groß angelegte Attentate planen und dabei sich und hunderte Andere in den sicheren Tod führen wollen? Ja, man darf. Man kann sogar gar nicht anders, wenn man "Four Lions" sieht. Der Film ist mit Abstand die beste, witzigste und anarchistische Komödie mit wirklich fiesem Beigeschmack, die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Mindestens. "Four Lions" ist ein Feuerwerk aus so bösen, absurden und brüllkomischen Gags und aberwitzigen Situationen, dass man sich vor Lachen die Tränen aus den Augenwinkeln wischt, ohne zu vergessen, wie todernst dieses Thema eigentlich ist. Christopher Morris ist mit seinem Erstlingswerk (!) ein so unglaublich guter Film gelungen, dass man diesen einfach gesehen haben muss und ihn definitiv lange, lange nicht vergessen wird. Es ist das Beste, was Großbritannien seit Ewigkeiten auf die Leinwand gebracht hat, und das, obwohl der Film zeitweise sogar in England verboten wurde. Glücklicherweise ist er das mittlerweile nicht mehr und somit sollte man die Chance, diesen Film zu sehen, unbedingt und definitiv nutzen, denn... so was hat es einfach noch nicht gegeben! Fantastisches Kino, das konkurrenzlos auf seinem neuen Olymp steht, genau dort, wo es hingehört!
Omar (Riz Ahmed, "The Road to Guantanamo"), Waj (Kayvan Novak, "Syriana"), Fessal (Adeel Akhtar, "Traitor") und Barry (Nigel Lindsay, "Rome"), ein konvertierter Islamist, planen ein Selbstmordattentat in einer öffentliche Einrichtung, über die sie sich aber erst noch einig werden müssen. Bis dahin bereiten sie sich schon mal mit ein paar Bekennervideos auf ihre Mission vor. So weit, so gut. Das Problem ist nur, dass die vier komplette Vollpfosten sind. Dummheit, Egomanie und blinder Fanatismus vernebeln ihnen dermaßen die Sinne, dass ihre Mission von permanenten Zwischenfällen und ungeplanten Ereignissen überschattet wird. Omar, der einzige der Vier, der etwas im Kopf zu haben scheint und somit mühsam versucht, die anderen Trottel unter Kontrolle zu halten, ist verheiratet und hat einen Sohn. Dem erzählt er abends gern mal die Geschichte von Simba, dessen einziges Ziel es natürlich ist, als Märtyrer ins Paradies einzugehen. Um den Ablauf des Attentats möglichst reibungslos zu gestalten, macht sich Omar erstmal mit Hohlbratze Waj auf den Weg in ein pakistanisches Ausbildungslager. Dort fliegen sie aber nach ein paar Tagen postwendend wieder raus, weil Omar leider die Panzerfaust falsch rum gehalten hat und somit beinahe Osama Bin Laden getötet hätte. Barry war indessen nicht ganz untätig und hat einen weiteren Krieger, Hassan (Arsher Ali), rekrutiert, was Omar nicht so klasse findet, da der ja die geplante Aktion irgendwie gefährden könnte.
In der Regel schaffen die anderen Vier das aber auch ganz gut alleine... also, ihre Aktion zu sabotieren. Fessal zum Beispiel möchte Krähen als Bombenkuriere abrichten, sprengt die armen Vögel aber schon in die Luft, bevor diese ihren Bestimmungsort erreicht haben. Barry, fanatischer und verpeilter als die anderen Vier zusammen, schiebt das Nichtfunktionieren seines Wagens nach der Reparatur gerne mal auf die bestimmt jüdischen Ersatzteile, die in sein Auto eingebaut wurden. Sabotage! Fessal möchte in den Bekennervideos lieber nicht erkannt werden und trägt deshalb bei den Aufnahmen einen Pappkarton über dem Kopf. Hassan lädt gerne mal die seltsame Nachbarin in die Wohnung ein, wo die anderen gerade ihre Bomben zusammenbauen. Und Waj ist so herzerfrischend dämlich, dass er sich ohne Omar, der ihn immer wieder vor dem Schlimmsten bewahrt, wahrscheinlich nicht mal die Schuhe zubinden könnte.
Es ist unglaublich, was Morris und seinen Drehbuchautoren hier alles eingefallen ist. Der Film ist ein Gagfeuerwerk allererster Güte, absurde Situationen und wahnwitzige Dialoge geben sich die Klinke in die Hand und feuern einen One-Liner nach dem anderen ab. Der Film gönnt einem in seinen 101 Minuten keine einzige Pause, um sich von der wahren Flut von Witzen, Schimpfwörtern und Absonderlichkeiten zu erholen. Jeder Satz sitzt, jeder Gag zündet und die Dramaturgie ist schlicht und ergreifend weltklasse. Und das Beste daran ist: Morris gelingt es trotz der unbestreitbaren Ernsthaftigkeit des Themas, eben diese nicht aus den Augen seiner wahnwitzigen Komödie zu verlieren. Mehr als einmal bleibt einem das Lachen buchstäblich im Halse stecken, wenn man sieht, mit welcher, wenn auch dämlichen, Konsequenz, die Hauptakteure ihren Plan durchziehen und mit welch blindem Fanatismus sie der westlichen Welt ihre Arroganz vor die Füße spucken wollen. Die Indoktrination der nächsten Generation wird dabei ebenso thematisiert wie die Tatsache, dass natürlich nicht alle arabischstämmigen Menschen Terroristen sind. Immer wieder haut einem Morris die fatale Bedrohlichkeit, die von seinen Protagonisten ausgeht, so dermaßen um die Ohren, dass man erschrocken zusammenzuckt.
Dennoch kann man nicht anders, als diese fünf Vollidioten gern zu haben. Omar ist der einzig beherrschte, intelligente und planvoll Agierende dieser fünf Flachpfeifen. Er ist verheiratet mit einer sympathischen Frau und hat einen niedlichen Sohn. Er ist so unglaublich sarkastisch mit seinem staubtrockenen Humor und seiner immer wieder auftretenden Genervtheit ob der Dämlichkeiten, die die anderen Vier verzapfen, dass man sich seinem ruhigen Charme einfach nicht entziehen kann. Besonders, wenn Omar zu seinen berüchtigten Schimpfkanonaden auf arabisch ansetzt, bricht man in haltloses Gelächter aus. Waj ist so naiv-dämlich, dass man ihm ständig Milch und Kekse reichen und ihm über den Kopf streichen möchte. Fessal ist so verwirrt-ehrgeizig, dass man sich auch seiner zur Schau getragenen Einfältigkeit nicht verwehren kann und sogar Barry, kompromisslos nihilistisch, bringt einen immer wieder zum Lachen. Hassan bleibt etwas blass, er liegt bildungsmäßig irgendwo zwischen Omar und Waj und hat ebenfalls ein paar wahnsinnig schräge Auftritte. Die Darsteller sind grandios und beherrschen ihre Parts bis aufs I-Tüpfelchen. Die Kunst, gleichzeitig liebens- und hassenswert zu agieren, wurde hier wirklich perfektioniert. Man mag sie, obwohl man weiß, dass man sie nicht mögen darf. Grandios!
"Four Lions" ist ein perfekter Film, ja wirklich. Ich habe selten, eher noch nie, eine so ernste Komödie gesehen, die mich dermaßen beeindruckt hat. Vollkommen zu recht hat "Four Lions" auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest (wo ich den Film gesehen habe) den Fresh Blood-Award gewonnen, eine Auszeichnung für die "Ersttäter" unter den Regisseuren des Festivals. Morris' fünf Suizidbomber sind das Geilste, was der internationalen Filmlandschaft seit langem passieren konnte. Sie schlagen selbst ein wie eine Bombe. Morris gelingt eine unfassliche Differenzierung zwischen sympathischen Hohlköpfen und fanatischen Muslimen, die bereit sind, für ihre Mission zu sterben. Wie grandios witzig das sein kann, weiß man nach "Four Lions". Wer diesen Film verpasst, hat wirklich selber schuld, er ist ein definitives Must-see, weil er absolut einzigartig ist. Besser geht nicht. Der Film ist momentan als UK-Import erhältlich, ich rate allerdings von einer Fassung ohne zumindest englische Untertitel ab. Es wird so wahnsinnig viel und so schnell geredet, auf englisch und arabisch, und es werden dutzendweise Slang-Ausdrücke gebraucht, dass man den Film ohne Untertitel praktisch nicht in seiner ganzen Genialität erfassen kann, und selbst die englischen Untertitel rasen nur so an einem vorbei. Mir gehen mal wieder die Superlative aus, insofern: fette fünf von fünf Krähen, die so tiefschwarz sind wie der Humor diesen grandiosen Films! Watch it!