Welche weniger bekannte Combo aus der Popgeschichte zählt zu den wichtigsten Impulsgebern für die heutige Gitarrenszene? Auf Franz Ferdinand, Maximo Park & Co. haben die Briten XTC wohl nicht weniger Einfluss ausgeübt als etwa die Talking Heads oder The Smiths. Nervöse aber tanzbare Rhythmen, schrullige aber eingängige Popmelodien, ökonomische Brillanz und cleveres Songwriting waren die wichtigsten Ingredienzien der verkannten Musiker aus dem südenglischen Swindon. Ein ewiger Geheimtipp und wie andere Zeitgenossen an den Gesetzen des Showbiz gescheitert, ist die aufgelöste Gruppe um Andy Partridge und Colin Moulding eher ein Fall für eine handverlesene Elite als für die Masse der Popkonsumenten. Obwohl so manche Singles der Britpop-Ästheten wohl den späteren Stars Blur als Inspirationsquelle dienten ("Respectable Street", "Ten Feet Tall", "Love At First Sight"), andere gar dem kühnen Vergleich mit den Beatles standhielten ("The Disappointed", "Wrapped In Grey"), sahnten XTC zur Hochzeit der britischen New Wave nicht eben ab.
Nicht XTC, sondern The Jam waren die erfolgreichste Singleband im UK jener Zeit. Dabei waren gerade Singles die Spezialität von Partridge & Co. FOSSIL FUEL macht seinem Namen alle Ehre: Das ist der wahre (Treib)stoff. 1996 von Virgin/EMI herausgegeben, eignen sich die zwei CDs der Anthologie bestens zum Einstieg ins wunderbare XTC-Universum. Bandretrospektive und Best Of zugleich, versammeln sie in chronologischer Reihenfolge alle 31 Singles (A-Seiten) aus dem wichtigsten Abschnitt der Band (1977-92), von der überdrehten WHITE MUSIC-Frühphase mit Keyboarder Barry Andrews ("Science Friction", "This Is Pop") über die klassische New-Wave-Periode ("Life Begins At The Hop", "Sgt. Rock", "Generals And Majors", "Making Plans For Nigel") und die Entdeckung der Rickenbacker auf ENGLISH SETTLEMENT ("Senses Working Overtime") bis hin zu den ausgetüftelten Popkunstwerken der reifen Phase.
Weil Chefsongwriter Andy Partridge 1982 auf der Bühne zwei Nervenzusammenbrüche erlitt, blieben die versierten Instrumentalisten, die in Dave Gregory einen brillanten Leadgitarristen besaßen, fortan im Studio. Gerade die elaborierten Studioerzeugnisse aus der zweiten Phase (ab 1983) stellen eine frappierende historische Parallele zur reifen Phase der Beatles dar. Beginnend mit den wunderlichen Retro-Hippie-Traumgespinsten von MUMMER (1983) und THE BIG EXPRESS (1984), gipfelte diese Entwickung in den reifen Alben SKYLARKING (1986), ORANGES AND LEMONS (1989) und NONSUCH (1992). "The Mayor Of Simpleton", "The Loving" und "The Disappointed" sind clevere, ironische Liebeslieder aus Partridges Feder.
Nicht immer aber zeigten sich XTC von ihrem sonnigen Gemüt. An die Stelle der beißenden Ironie früherer Tage ("Making Plans For Nigel" enthielt eine bittere Anspielung auf die beginnende Thatcher-Ära) trat nun häufiger abgeklärter Ernst. Musterbeispiele für intelligente Popsongs sind Colin Mouldings kapitalismuskritisches "King For A Day" und zwei weitere Stücke aus Partridges Feder. "The Ballad Of Peter Pumpkinhead" handelt oberflächlich gesehen von übermächtigen Projektionsfiguren (Partridge: "Jesus, JFK oder Buddha"), ist in Wirklichkeit aber Partridges Halloweenkürbis gewidmet. Auf "Dear God" hingegen beschäftigt sich der Sänger mit der Theodizee und bescherte der Band mit seinem berührenden Videoclip einen ersten Hit auf MTV. So fanden XTC in den späten Achtzigern als Kultband des US-Collegerock zu neuer Bekanntheit. Und schrieben mit "Wrapped In Grey" einen herzzerreißenden, idealistischen Popsong, ohne den die Welt um ein Stück ärmer wäre.