Deutschlands Verhältnis zur "Forsyte Saga", der kongenialen 1967er TV-Verfilmung von Nobelpreisträger Galsworthys Meisterstück, ist seit jeher ein seltsames, von Irrungen und Wirrungen belastetes.
Es fing ja schon damit an, dass das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen seinerzeit sehr zögerlich zugriff und seinem Publikum erst sehr spät, mit 7 Jahren Verzögerung, den Genuss der Serie ermöglichte. Da hatte ein großer Teil der Welt die wundervolle 26teilige Familienchronik schon längst entdeckt. Bereits im Produktionsjahr 1967 ausgestrahlt und rasch von vielen Ländern eingekauft, sorgte die Forsyte Sage bis hin nach Russland, wo sie ein Blockbuster war, für Furore. Mit verbürgten rund 120 Millionen wöchentlichen Zuschauern rund um den Globus (würde man jene hinzu rechnen, die die Serie, wie die Deutschen, erst verzögert sehen konnten, wäre diese Zahl noch viel höher), war die Forsyte Saga eine der erfolgreichsten Fernsehserien der Welt. Sie durfte sich neben "Mit Schirm, Charme und Melone" zu Großbritanniens beliebtesten TV-Exporten jener Ära zählen. Das Deutsche Bildungsfernsehen, das häufig eben auch ein Vorenthaltungs-Fernsehen war und seine Zuschauer nicht eben selten im Unklaren über weltweit akzeptierte TV-Trends ließ, hegte ernste Bedenken. Denn die Forsyte Saga war die erste Serie dieser Art mit "Cliffhanger"-Dramaturgie, das heißt: jede Episode endete mit einem offenen Fragezeichen, einem dramatischen Paukenschlag, der nicht gleich aufgelöst, sondern erst in der nächsten Folge beantwortet bzw. fortgeführt wurde.
Konnte das angehen? Könnte das nicht in das Familienleben eingreifen, wenn die TV-Familie derart infam an den Bildschirm gefesselt wird und am nächsten Sonntag statt des gemeinsamen Spaziergangs einer Fernsehserie fröhnt? Ja, diese Diskussionen gab es wirklich, wer lange genug recherchiert, wird fündig werden. Und so kam es, dass Soames, John, Irene und Co uns erst in ihren schwarz-weißen Bann ziehen konnten, als in Deutschland längst das Farbfernsehen Usus war und der Rest der Welt die Saga bereits als TV-Klassiker ausgekostet hatte. Immerhin: Die Ausstrahlungen des Jahres 1973 an 26 Sonntag-Nachmittagen waren für die ARD ein erfreulicher Erfolg. Und wenn im deutschen Familienleben nicht ohnedies schon ein Wurm war - an der Serie nahm es keinen nachweislichen Schaden.
Und die Zeit danach?
Ein paar artige Wiederholungen in Dritten Programmen Ende der Siebziger - dann plötzlich Schluss. Die ARD ließ irgendwann auf Anfrage verlauten, dass die deutsche Tonspur der Serie unrettbar zerstört sei. Auf die Idee, das TV-Juwel dem deutschen Publikum auch einmal im englischen Original mit deutschen Untertiteln zuzumuten, kam das Bezahlfernsehen bis heute nicht, ebenso wenig kulturbeflissene Sender wie arte.
Und so schwelgen unheilbar verliebte Fans wie ich eben in den Erinnerungen an eine monolitisch herausragende, bahnbrechende Familiensaga, die den Aufstieg und den Zerfall einer englischen Kaufmannsfamilie zeigt, also aufschlussreiche Einblicke in britische Befindlichkeiten insbesondere der Upper Middleclass beschert. Es muss wohl ein Zauber über dieser, aus heutiger Sicht mit ihren einfachen Schnitten und langen Einstellungen technisch natürlich völlig veralteten (es sind ja auch über 50 Jahre vergangen), Serie gelegen haben. Denn wie jeder Junge dieser Zeit war ich eher von Action, Raumschiff Enterprise oder Kung Fu begeistert... aber um nichts in der Welt hätte ich eine Folge der Forsytes verpassen mögen. Obwohl ich damals Begriffe wie "Schauspielerqualität" sicher nicht kannte, waren es in erster Linie die Schauspieler, die mich mit ihrer Authentizität fesselten. Eric Porter als harter, verschrobener Soames war nicht nur eine Rolle, er war eine Instanz. Zu keiner Sekunde stellte man ihn in Frage - er WAR Soames Forsyte. Nyree Dawn Porter interpretierte die schwierige Rolle der Irene für die 60er Jahre unerhört modern - mit melancholischen Anflügen, Brüchen, dann wieder unhinterfragter Schönheit... sie war die Königin der Serie und natürlich bezog man in dem Beziehungskrieg mit Soames immer innere Stellung für die schöne Blonde. Es wären derer noch viele zu nennen. Genugtuung für die großartigen Leistungen dürfte sein, dass die Forsyte Saga für nicht wenige Darsteller zum Karriere-Sprungbrett wurde. Susan Hampshire ("Fleur") bekam sofort Kinorollen angeboten, etwa an der Seite von Gert Fröbe in "Monte Carlo Rallye" oder in Filmen wie "Born free". Margaret Tyzack ("Winifred") durfte in der Indiana-Jones-TVSerie mitwirken. Michael York wurde der wohl größte Star in Filmen wie Cabaret oder Tod auf dem Nil. Auch Nyree Dawn Porter ergatterte zahlreiche Fernsehrollen, z.B. in der Krimiserie "Kein Pardon für Schutzengel". Dies alles spricht für ein großartiges Ensemble und erklärt Uneingeweihten vielleicht ein wenig den damaligen Zauber, den Suchtfaktor der Forsyte Saga.
Darüber hinaus hatte die Serie den Mut, anders als andere TV-Produktionen jener Zeit, sich dramaturgisch an die Literaturvorlage mit allen Konsequenzen zu halten, das heißt: anders als in banalen Familienserien wie "Dallas" oder "Denver Clan" passiert den Forsyte-Figuren WIRKLICH etwas. Sie machen WIRKLICH eine Entwicklung durch, und werden nicht "in letzter Minute gerettet" oder dergleichen. So sehen wir die schöne Irene 26 Folgen lang WIRKLICH altern, ihren John sterben, Cousinen werden von Pferden zu Tode geschleift, Nebenfiguren altern und sterben, und auch den Patriarchen Soames ereilt in der letzten Episode "Schwanengesang" sein Schicksal. Bei dem Versuch, seine Tochter Fleur vor einem herunter fallenden schweren Gemälde zu retten, wird er selbst getroffen. Er stirbt. Mit ihm endet auch die Serie. Über seinem Gesicht erscheint der simple Schriftzug "The End". Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die ganze Familie in diesem Moment schweigend vor dem Fernsehgerät saß. Die Forsyte Saga war also zu Ende - man konnte es kaum glauben.
Natürlich geht die Zeit letztendlich über alles hinweg. Heutzutage sind wir psychologisierende Tiefen selbst in banalen Superhelden-Verfilmungen oder Krimiserien gewohnt. Die Art zu Schauspielern ist heute eine andere, womöglich authentischer, geht mehr ins Eingemachte und ist mehr an der "Realität" orientiert, wo in den 60ern noch die "Kunst" gesucht wurde. Doch ebenso wie Theaterfachleute noch heute den Faust des Gustav Gründgens als bahnbrechend erkennen, so sehen die, die dabei waren, die "Forsyte Saga" als Meilenstein der TV-Geschichte an.
Wenigstens gibt es die englischen DVDs - es bleibt dennoch zu hoffen, dass deutsche Medien die längst überfällige Leistung erbringen, die alte Forsyte Saga von 1967 wieder einmal auszustrahlen. Inge Meysels "Unverbesserliche" und die "Raumpatrouille" begegnen uns ja auch immer wieder auf 3Sat und Consorten. Diese Qualitätskriterien lässt die Forsyte Saga doch weit unter sich - sie verdient wieder deutsche Beachtung.