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4.0 von 5 Sternen
Der Fremde ist fremd nur in der Fremde, 6. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland (Taschenbuch)
Von außen hat man einen besseren Überblick, und man sieht ganz anderes, als wenn man selber mitten im System festgezurrt ist. Diese Binsenweisheit bestätigt Hans Paasches fiktiver Berichterstatter Lukanga Mukara, den sein Häuptling 1912 als unbestechlichen Forschungsreisenden ins innerste Deutschland schickt, zu Weiterbildung, Nutz und Frommen seines Volkes. Anno 1912/13 waren in Europa völkerkundliche Berichte über das absonderliche Leben der "unzivilisierten Wilden" en vogue; vermutlich stillte das sanfte Erschaudern ob der exotischen "Wilden" nicht nur den Wissensdurst des Bürgertums, sondern erlaubte dem vorgeblich erschütterten Leser auch ein behagliches Zurücklehnen, begleitet von einem "Gott sei dank, wir sind nicht so!". Klar doch, diese armseligen Kreaturen musste man schleunigst kolonialisieren und zivilisieren... Dass obendrein in der ethnographischen Literatur der Zeit auch gern einmal akribisch der Brustumfang weiblicher Wilder vermerkt wurde, dürfte den Verkauf zumindest nicht behindert haben... Hans Paasche dreht mit seiner "Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara" ganz einfach den Spieß herum und lässt einen fiktiven Afrikaner im Auftrag seines Häuptlings das innerste Deutschland erforschen; in insgesamt zehn Briefen erstattet der überhaupt nicht unzivilisierte Gesandte Bericht. Was den Fremden befremdet, hält dem Einheimischen den Spiegel vor: Seine eigenen kulturellen Errungenschaften wirken auf Außenstehende barbarisch. Karl Valentin und sein "Der Fremde ist fremd nur in der Fremde" lassen grüßen. Weil eine Zivilisationskritik umso treffender wird, je konsequenter sich ihr Autor hinter der Maske des Naiven verbirgt, und weil Paasche diesen ganz besonderen Ton der Gelehrtenzunft seiner Zeit gekonnt mit dem Kopfschütteln des naiven Aufrechten verbinden kann, deswegen haben Lukanga Mukaras wissenschaftliche Mitteilungen an seinen Auftraggeber auch nach knapp 100 Jahren ihren Glanz nicht verloren. Auch wenn einige Passagen etwas zu penetrant geraten sind, in denen Paasche seinen Lukanga Mukara leicht sektiererisch vegetarische Weltrettungsideen und dergleichen vertreten lässt: Die meisten Beobachtungen dieses etwas anderen Forschungsreisenden legen ihren Gegenstand unbeirrbar auf den Objektträger und schauen genau hin. Als ausschließlich zeitgebundene Satire wäre die "Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland" zwar auch heute noch durchaus lesenswert, aber mit voller Wucht gehen jene Passagen in die Vollen, in denen Paasches Kritik ans Eingemachte geht; hier wird seine Kritik nämlich zeitlos: Seine Überlegungen beispielsweise, "weshalb die Wasungu [die Weißen] hin und her laufen und fahren", analysiert überwältigend fies die Funktionsweise kapitalistischer Wirtschaftssysteme; es genügt, dass ein Sungu (Weißer) einem anderen schneller als bisher eine Botschaft schicken will. Dazu braucht er unbedingt einen "Eisenbalkenweg" -- und die Notwendigkeit, einen Eisenbalkenweg zu bauen, führt zu einer grotesken chaotischen Lawine, die der unbeirrbare Forscher als ein System krudester Ursache und Wirkungen erkennt: Am Ende "entsteht eine große Stadt, eine Kulturzentrale, [...] und das alles nur, weil ein Bote den Weg von Niansa nach Rubengara schneller zurücklegen sollte." Ersetzt man wiederum in anderen Passagen, in denen der Forschungsreisende die Quintessenz der meisten Briefe aufs Korn nimmt, das Wort "Brief" durch "E-Mail", "sms" oder "Dauertelefonat per Handy", dann merkt man wieder einmal, dass sich die Menschheit während der letzten 100 Jahre nicht gescheiter geworden ist: "Was schreiben aber die Wasungu? Was jeder von selbst weiß: 'Ich bin hier und trinke', [...] 'der Wagen fährt' [...]. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. Oder sie schreiben wegen Geld." Kennt man doch irgendwoher... Egal, was Lukanga Mukaras unbestechlicher Blick auch sehen mag: Er schildert es, und zwar in haargenau jener Manier, in der sonst der weitgereiste Europäer der Kolonialzeit "die Wilden" beschrieb. Egal ob es um die religiösen und weltlichen Riten geht oder um die haarsträubende und sinnwidrige Bekleidung -- der Mann lässt sich durch nichts irritieren, und seinem kritischen Blick hält nichts stand. Paasches geharnischte Zivilisationskritik wirkt auf den ersten Blick viel harmloser, als sie ist; dass seine Widerhaken tief sitzen, merkt man vor lauter Lachen nicht. Im Gegensatz zu seinem Papalagi-Epigonen Erich Scheurmann wählte Paasche seine afrikanische Maske nicht willkürlich, sondern bewusst; er kannte die Heimat seines Protagonisten: Als wilhelminischer Kolonialoffizier im damaligen "Deutsch-Ostafrika" (die heutigen Tansania, Burundi und Ruanda) eckte Paasche im Offizierskasino zwar an wegen allzu unvoreingenommener Ansichten und Toleranz, aber wider besseres Wissen wirkte er nicht immer segensreich. Im Nachhinein verurteilte und verachtete er die Arroganz, die hinter dem Kolonialgedanken stand. Seine Kritik äußerte er nicht nur in Lukanga Mukaras Briefen, aber die wurden sein berühmtestes Werk. Verwunderlich ist das nicht... Leider hat "Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara" aber auch Schwächen, und zwar immer dann, wenn Paasche "seinen" Lukanga Mukara allzu penetrant als Sprachrohr seiner eigenen Ansichten verwendet. Dann darf der Ärmste nämlich nicht Bericht erstatten, sondern muss wacker streiten für Reformkost und -kleidung und gleich auch noch gegen die Pockenimpfung wettern... In diesen Passagen, im letzten Brief sogar überdeutlich, verlässt Paasche nämlich die Perspektive des Fremden und wird zum (allerdings pazifistischen) Eiferer. Ohne diese Passagen wären Blick und Satire noch schärfer, die Kritik noch überzeugender geraten. Allzu negativ fällt das aber nicht ins Gewicht. Das lesende Deutschland war jedenfalls not amused über diesen Affront; ein sicheres Zeichen dafür, dass die gepfefferte Satire auf die nicht minder absonderlichen Bräuche im wilhelminischen Deutschland getroffen hatte. Wie genau der unbedingte Pazifist Paasche in seinen Ansichten auf die moralischen Hühneraugen seiner Zeitgenossen getreten ist, beweist leider auch sein Tod: 1920 ermordeten ihn Angehörige des Freikorps, und in der Justiz gab man sich alle Mühe, die Mörder partout nicht verurteilen zu können...
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4.0 von 5 Sternen
Der Fremde ist fremd nur in der Fremde, 30. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland (Taschenbuch)
Von außen hat man einen besseren Überblick, und man sieht ganz anderes, als wenn man selber mitten im System festgezurrt ist. Diese Binsenweisheit bestätigt Hans Paasches fiktiver Berichterstatter Lukanga Mukara, den sein Häuptling 1912 als unbestechlichen Forschungsreisenden ins innerste Deutschland schickt, zu Weiterbildung, Nutz und Frommen seines Volkes. Anno 1912/13 waren in Europa völkerkundliche Berichte über das absonderliche Leben der "unzivilisierten Wilden" en vogue; vermutlich stillte das sanfte Erschaudern ob der exotischen "Wilden" nicht nur den Wissensdurst des Bürgertums, sondern erlaubte dem vorgeblich erschütterten Leser auch ein behagliches Zurücklehnen, begleitet von einem "Gott sei dank, wir sind nicht so!". Klar doch, diese armseligen Kreaturen musste man schleunigst kolonialisieren und zivilisieren... Dass obendrein in der ethnographischen Literatur der Zeit auch gern einmal akribisch der Brustumfang weiblicher Wilder vermerkt wurde, dürfte den Verkauf zumindest nicht behindert haben... Hans Paasche dreht mit seiner "Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara" ganz einfach den Spieß herum und lässt einen fiktiven Afrikaner im Auftrag seines Häuptlings das innerste Deutschland erforschen; in insgesamt zehn Briefen erstattet der überhaupt nicht unzivilisierte Gesandte Bericht. Was den Fremden befremdet, hält dem Einheimischen den Spiegel vor: Seine eigenen kulturellen Errungenschaften wirken auf Außenstehende barbarisch. Karl Valentin und sein "Der Fremde ist fremd nur in der Fremde" lassen grüßen. Weil eine Zivilisationskritik umso treffender wird, je konsequenter sich ihr Autor hinter der Maske des Naiven verbirgt, und weil Paasche diesen ganz besonderen Ton der Gelehrtenzunft seiner Zeit gekonnt mit dem Kopfschütteln des naiven Aufrechten verbinden kann, deswegen haben Lukanga Mukaras wissenschaftliche Mitteilungen an seinen Auftraggeber auch nach knapp 100 Jahren ihren Glanz nicht verloren. Auch wenn einige Passagen etwas zu penetrant geraten sind, in denen Paasche seinen Lukanga Mukara leicht sektiererisch vegetarische Weltrettungsideen und dergleichen vertreten lässt: Die meisten Beobachtungen dieses etwas anderen Forschungsreisenden legen ihren Gegenstand unbeirrbar auf den Objektträger und schauen genau hin. Als ausschließlich zeitgebundene Satire wäre die "Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland" zwar auch heute noch durchaus lesenswert, aber mit voller Wucht gehen jene Passagen in die Vollen, in denen Paasches Kritik ans Eingemachte geht; hier wird seine Kritik nämlich zeitlos: Seine Überlegungen beispielsweise, "weshalb die Wasungu [die Weißen] hin und her laufen und fahren", analysiert überwältigend fies die Funktionsweise kapitalistischer Wirtschaftssysteme; es genügt, dass ein Sungu (Weißer) einem anderen schneller als bisher eine Botschaft schicken will. Dazu braucht er unbedingt einen "Eisenbalkenweg" -- und die Notwendigkeit, einen Eisenbalkenweg zu bauen, führt zu einer grotesken chaotischen Lawine, die der unbeirrbare Forscher als ein System krudester Ursache und Wirkungen erkennt: Am Ende "entsteht eine große Stadt, eine Kulturzentrale, [...] und das alles nur, weil ein Bote den Weg von Niansa nach Rubengara schneller zurücklegen sollte." Ersetzt man wiederum in anderen Passagen, in denen der Forschungsreisende die Quintessenz der meisten Briefe aufs Korn nimmt, das Wort "Brief" durch "E-Mail", "sms" oder "Dauertelefonat per Handy", dann merkt man wieder einmal, dass sich die Menschheit während der letzten 100 Jahre nicht gescheiter geworden ist: "Was schreiben aber die Wasungu? Was jeder von selbst weiß: 'Ich bin hier und trinke', [...] 'der Wagen fährt' [...]. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. Oder sie schreiben wegen Geld." Kennt man doch irgendwoher... Egal, was Lukanga Mukaras unbestechlicher Blick auch sehen mag: Er schildert es, und zwar in haargenau jener Manier, in der sonst der weitgereiste Europäer der Kolonialzeit "die Wilden" beschrieb. Egal ob es um die religiösen und weltlichen Riten geht oder um die haarsträubende und sinnwidrige Bekleidung -- der Mann lässt sich durch nichts irritieren, und seinem kritischen Blick hält nichts stand. Paasches geharnischte Zivilisationskritik wirkt auf den ersten Blick viel harmloser, als sie ist; dass seine Widerhaken tief sitzen, merkt man vor lauter Lachen nicht. Im Gegensatz zu seinem Papalagi-Epigonen Erich Scheurmann wählte Paasche seine afrikanische Maske nicht willkürlich, sondern bewusst; er kannte die Heimat seines Protagonisten: Als wilhelminischer Kolonialoffizier im damaligen "Deutsch-Ostafrika" (die heutigen Tansania, Burundi und Ruanda) eckte Paasche im Offizierskasino zwar an wegen allzu unvoreingenommener Ansichten und Toleranz, aber wider besseres Wissen wirkte er nicht immer segensreich. Im Nachhinein verurteilte und verachtete er die Arroganz, die hinter dem Kolonialgedanken stand. Seine Kritik äußerte er nicht nur in Lukanga Mukaras Briefen, aber die wurden sein berühmtestes Werk. Verwunderlich ist das nicht... Leider hat "Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara" aber auch Schwächen, und zwar immer dann, wenn Paasche "seinen" Lukanga Mukara allzu penetrant als Sprachrohr seiner eigenen Ansichten verwendet. Dann darf der Ärmste nämlich nicht Bericht erstatten, sondern muss wacker streiten für Reformkost und -kleidung und gleich auch noch gegen die Pockenimpfung wettern... In diesen Passagen, im letzten Brief sogar überdeutlich, verlässt Paasche nämlich die Perspektive des Fremden und wird zum (allerdings pazifistischen) Eiferer. Ohne diese Passagen wären Blick und Satire noch schärfer, die Kritik noch überzeugender geraten. Allzu negativ fällt das aber nicht ins Gewicht. Das lesende Deutschland war jedenfalls not amused über diesen Affront; ein sicheres Zeichen dafür, dass die gepfefferte Satire auf die nicht minder absonderlichen Bräuche im wilhelminischen Deutschland getroffen hatte. Wie genau der unbedingte Pazifist Paasche in seinen Ansichten auf die moralischen Hühneraugen seiner Zeitgenossen getreten ist, beweist leider auch sein Tod: 1920 ermordeten ihn Angehörige des Freikorps, und in der Justiz gab man sich alle Mühe, die Mörder partout nicht verurteilen zu können...
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Spiegelbild, 3. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland (Taschenbuch)
Dieses Buch ließ mich erst lachen, dann sah ich die Wahrheiten, die heute genauso sind, wie im Buch beschrieben. Gut zu lesen, drängt zum Nachdenken.
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