Seit The Notwists The Devil, You + Me habe ich nicht mehr so ein vielschichtiges Album gehört, noch dazu mit richtig guten Songs drauf. Das jüngste Werk der Arts & Crafts-Kumpel von The Most Serene Republic, The Ever Expanding Universe, hat ebenfalls gute Songs, noch verkopftere Texte, aber der klangliche Tiefgang ist eindeutigeren Aussagen gewichen. Wenn Symphonic-Indie-Pop sich nicht irgendwie blöd anhören würde, wäre das die von mir bevorzugte stilistische Einordnung für Forgiveness Rock Record.
Bereits beim ersten Song, World Sick, wird klar, dass dieses Album erstens eher laut gehört werden muss und zweitens - deswegen erstens - hervorragend produziert worden ist: an den richtigen Stellen übertrieben, gemischt mit feinem Öhrchen für's klangliche Versteckspielen und immer den einzelnen Song im Auge... äh, Gehör. Räumliche Tiefe wie beim Sinfonie-Orchester, aber die Band/das Kollektiv umfasst bei den meisten Titeln ja eine vergleichbare Größe. Tja, wenn man sich Tortoise's u. a. John McEntire als ausländisches Bandmitglied anlacht...
Erst im Nachhinein habe ich den Titel Chase Scene gelesen. Genau das ist der zweite Song, eine Jagdszene. Mit Synthi-Bässen und -Drums, die ihn mir anfänglich fast vergällt hätten. Dann setzt das akustische Schlagzeug ein und der Song baut sich auf, bis vor lauter lauten Bläsern nichts mehr geht. Das anschließende Texico Bitches ist mit zappeliger Hi-Hat und hoppeligem Sechzehntel-Bass auch musikalisch ein bisschen zickig. Die Stimmen sind sehr sehr Siebziger produziert und klingen selbst als MP3 heftig nach Vinyl.
Nanu, Irish Folk? Cajun-Music? Eine Flöte/Whistle doppelt die angezerrte Gitarre im Intro von Forced to Love, aber dann wird ein richtig großartiger Song mit Strophen, Refrains und Bridges draus. Mindestens drei Stimmen singen gemeinsam - wie egentlich auf dem gesamten Rest des Albums auch - den ersten kompromisslosen Hit auf der Platte, und immer wieder Irland. Erste Seite vorbei.
Synthetisch zerhackt und durch den Hallraum versendet geht die zweite Seite mit All to All los. Lisa Lobsingers Stimme schält sich aus dem Orbit der umherfliegenden Soundfragmente heraus und intoniert den ersten Song mit (fast) nur einstimmigem Gesang. Geigen erinnern daran, dass wir alle irgendwie doch von der Erde stammen und dann geht es weiter in die Space-Disco - ob die in Kanada wissen, dass Space auf deutsch All heißt?
Art House Director macht mit Bläsern das, was rrrichtige Rrrrockbands mit Gitarrrren machen: schieben. Big Band für die Neuzeit, jenseits von Ska und Konsorten, Gott sei Dank, das hätte nicht gepasst. In der Bridge singt dann der komplette Chor wieder mit. Alle eine große Familie, mit dem Effekt, dass ich mir selbst beim alleine Hören wie unter Menschen vorkomme. Das kenne ich in der Ausprägung erst seit Broken Social Scenes gleichnamigem Album von 2005. Allerdings kam mir da alles etwas zu durcheinander vor, ich fand das Hören stressig, wie in der Fußgängerzone am Samstagvormittag: dauernd von hier nach da hören und das Gehirn ein Gesamtbild abstrahieren lassen.
Wie bestellt geht es dann mit Highway Slipper Jam auch etwas reduzierter weiter: nach a capella gesungenem Karibik-Scat wird es fast schon Songwriter goes electric Drummachine. Aber auch hier spielen wieder alle Kinder mit, dementsprechend ist die Klangtiefe Kindergarten-Schnitzeljagd-Tauchen im tropischen Meer...
Ich höre mal auf. Die Hälfte der Platte ist rum. Ähnlich bunt und spannend geht es auf den übrigen sieben Songs zu. Mir fällt auf, wie recht die Rezension aus der Intro hatte: das hier ist Popmusik über Popmusik, alles klingt irgendwie vertraut, wenn auch aus verschiedenen musikalischen Jahrzehnten, vereint in 14 Songs, von denen jeder soundmäßig ein eigenes Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt der Klanglichkeiten ist. Die Musik im Klanggewand ist allerdings neu.
Die Vinyl-Doppel-LP (130g ??) im Gatefold Cover, bei dem ich mich nicht entscheiden kann, ob ich das Front- oder Backcover oder die Bleistiftzeichnung im zweiten Inner Sleeve rahmen und aufhängen soll, kommt übrigens mit MP3-Download. Kostet zwar mehr, sieht aber besser aus, klingt besser und ist genauso MP3-Player-tauglich wie die CD. Ich bin begeistert! Merkt man, oder?