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Neue Zürcher Zeitung
Zum zweiten Band von Paul Williams' Dylan-Monographie
Die Schelte vorweg: Auch der zweite Band von Paul Williams' nun auf deutsch vorliegender Studie über das musikalische Schaffen Bob Dylans ist von unerträglicher Geschwätzigkeit. Des kunstphilosophischen Flachsinns ist kein Ende. Zwei Drittel des Textes, dies ohne polemische Übertreibung gesprochen, wären mit Gewinn dem Rotstift eines pflichtbewussten Lektors zum Opfer gefallen. Und doch gelingt Williams in den verbleibenden Passagen seines Buchs etwas, das ihm in «Like A Rolling Stone», dem ersten seines auf drei Bände angelegten Werks, nicht geglückt war: Er schildert überzeugend, was die Faszination des Bühnenkünstlers Dylan ausmacht.
Zwar hat er seine Methode nicht verändert oder weiterentwickelt; aber sie greift nun, da sie es nicht mehr mit einem guten Dutzend offizieller Alben und einer überblickbaren Anzahl von Bootlegs, sondern mit mehreren hundert Konzertmitschnitten und etlichem zusätzlichem Material zu tun hat, besser als bei der Analyse des kanonisierten Frühwerks. Die geduldige Interpretation eines einzelnen Liedes ist Williams' Sache nicht; hier richtet er in den elementarsten Belangen ein heilloses Durcheinander an. Wo er jedoch zahlreiche Fassungen einer Komposition miteinander vergleichen und die Ergebnisse seiner Sammelleidenschaft ausbreiten kann, ist er in seinem Element.
Performing Artist
«Bob Dylan. Performing Artist» lautet der Titel der Originalausgabe seines Buches; dieser Titel trifft die Sache besser als jener der deutschen Ausgabe («Forever Young. Die Musik von Bob Dylan 19741986»). Williams versteht Dylans Schaffen als Work in progress , das auf den endlosen Tourneen des Barden immer wieder verändert, neu arrangiert, gegen den Strich interpretiert, zur Kenntlichkeit entstellt wird. Nun ist Dylan seit Mitte der siebziger Jahre, sieht man von einigen längeren Intervallen ab, unermüdlich «on the Road»; nach seinem eigenen Bekunden ist diese Art von Leben zur ihm gemässen Existenzweise geworden. Und da fast alle seine Konzerte in irgendeiner Form aufgezeichnet wurden und als Tapes oder mittlerweile CD in tendenziell steigender Tonqualität kursieren, verliert das offiziell publizierte Werk Dylans gegenüber diesen Aufnahmen an Gewicht. Mehr noch: Williams macht glaubhaft, dass etliche von Dylans mitunter unausgegorenen oder auch nachlässig produzierten Studioproduktionen von Live-Versionen des gleichen Materials übertroffen werden. Da ist natürlich auch Rabulistik im Spiel: mit Vorliebe ist die Aufnahme, die niemand kennt, die gelungenste. Aber es geht doch um mehr. Williams zeigt, wie stark Dylans publiziertes Schaffen eingebettet ist in den Prozess der Performance.
Dieser beginnt für Dylans zweite Schaffensphase auf der 1974er Tournee mit The Band, der ersten grossen Tour seit 1966, seit dem ominösen Motorradunfall und dem Rückzug auf Werke wie «John Wesley Harding» und «Nashville Skyline»; und er setzt sich fort im Umfeld des 1975er Albums «Blood On The Tracks», das für den Dylan der kommenden Dekade ein Angelpunkt seines Schaffens werden sollte wie zuvor «Freewheelin» und «Highway 61 Revisited». Die legendäre «Rolling Thunder Revue» (ab Oktober 1975), in der er ein offenes Konzept mit wechselnden Musikern erprobte, bildete den eigentlichen Auftakt zu Dylans ruhelosem Wanderleben als «Performing Artist». Über diese Tour berichtet Williams Wissenswertes, und auch seine kritischen Bemerkungen zu «Live at Budokan» und «Street Legal», zwei Veröffentlichungen aus der unmittelbaren Folgezeit, sind lesenswert während ihm anlässlich einer emphatischen Apologie von Dylans semiautobiographischem Film «Renaldo & Clara» wieder alle Pferde durchgehen. Überhaupt ist Williams immer dann am interessantesten, wenn er nicht in Jubel ausbricht, sondern kritisch differenziert und dazu sieht er im zweiten Band seines Werks weit mehr Anlass als im ersten.
Überraschende Einsichten
Williams' Kritik setzt nun gerade nicht da ein, wo man sie erwarten würde. Es wäre ein leichtes, Dylans Hervorbringungen als bekennender Christ («Slow Train Coming», «Saved», «Shot Of Love», 19791981) mit Hohn und Spott zu übergiessen. Williams tut es nicht, sondern nimmt diese Schaffensphase sehr ernst und gewinnt ihr überraschende Einsichten ab. Auf der anderen Seite sieht er das von den «alten» Fans als Rückkehr aus der religiösen Verirrung hochgelobte Album «Infidels» (1983) äusserst kritisch und verweist mit Nachdruck auf dessen reaktionäre und selbstgerechte Komponenten. (Allerdings wurden 1991 auf «The Bootleg Series» einige Outtakes aus «Infidels» veröffentlicht, die dieses Bild modifizieren, so «Foot Of Pride» und das grossartige «Blind Willie McTell».) Auch musikalisch überzeugt «Infidels» Williams weniger als die gospelgetränkten Aufnahmen der «christlichen» Phase; Mark Knopflers Gitarrenspiel findet er hier nicht weiter bemerkenswert, und die Rhythmusgruppe mit Sly Dunbar und Robbie Shakespeare ist ihm ein ausgesprochenes Ärgernis. Übrigens lässt er auch am grundsoliden Beitrag von Ex-Rolling-Stone Mick Taylor auf der Tournee 1984 (dokumentiert auf «Real Live») kein gutes Haar; dagegen nimmt er die gestylte, von der Kritik bislang tüchtig zerzauste 1985er Produktion «Empire Burlesque» mit triftigen Gründen in Schutz. Besonders bemerkenswert hier der Nachweis, dass Dylan etliche Textzeilen aus alten Humphrey-Bogart-Filmen montiert hat.
In the Fury of the Moment
Wohl fragt sich, was es frommen mag, Hunderte von Seiten mit vergleichenden Analysen von Material zu lesen, das einem nur zum geringsten Teil zur Verfügung steht. Zweifellos ist Williams' Buch in dieser Hinsicht oft ermüdend; allenfalls kann man es als Cicerone durch den grauen Markt benützen. Und doch ist der Autor etwas Wichtigem auf der Spur. Er hält mit Recht fest, dass das Faszinierende an Dylans Kunst niemals die gedruckten Noten und Texte waren; dass vielmehr diese, nüchtern betrachtet, den Zauber sowenig erklären, wie die Fussballregeln die Leidenschaft begründen, mit der dieses Spiel betrieben wird. Allein im Augenblick der Aufführung, «In the Fury of the Moment», ereignet sich das Entscheidende. Im Timbre der Stimme, in einer verschobenen Betonung, einer unerwarteten Wendung, in der sich der rätselhafte Poet offenbart und zugleich wieder entzieht, blitzt das Geheimnis auf. Lied für Lied geht Williams diesen magischen Augenblicken nach, soweit sie auf Tonträgern dokumentiert oder ihm von Konzertbesuchen erinnerlich sind. Unter diesem Vorzeichen darf man auch den dritten Band seines Werks mit einiger Neugier erwarten wobei man sich besser zeitig darauf einstellt, die spannenden Stellen wiederum in einem unglaublichen Wust von Troubadix-Arien suchen zu müssen.
Manfred Papst