Ich habe "Fordlandia" gelesen, nachdem ich im "Spiegel Online" einen Artikel über Fordlandia, Henry Fords legendäre und nach wenigen Jahren bereits aufgegebene Dschungelstadt, gefunden hatte. Ich habe mich sehr gefreut, über dieses aberwitzige Vorhaben, eine Plantagenstadt mitten im amazonischen Dschungel zu errichten, um die Weltproduktion an Kautschuk an sich zu reißen, einen Roman zu finden.
Die historischen Fakten - Aufbau der Dschungelstadt, das puritanische Leben darin, das ganz und gar der Fabriksirene unterworfen ist, und das letztliche Scheitern des ganzen Unternehmens - kommen tatsächlich in dem Buch vor, wenn auch nur recht kurz und trocken referiert. Das große Thema des Buches ist: Ein Mann - Henry Ford - hat den Traum, eine ideale Zivilisation inmitten der "unzivilisierten" Welt zu errichten, diese zugunsten des "Fortschritts" zu kolonisieren und zuzurichten. Dieser Traum scheitert, denn der Urwald - sowohl als Bild für sich selbst wie auch für seine Bewohner stehend - schlägt zurück, rächt sich auf seine Weise. Die Arbeiter meutern, und die Bäume fallen einer Pilzkrankheit zum Opfer, denn man hat sie, um den Profit zu maximieren, zu dicht nebeneinander gesetzt.
Der Ich-Erzähler gerät nach Fordlandia durch seine Bewerbung bei Ford in Belém. Er wird damit beauftragt, von Fordlandia aus in den Urwald aufzubrechen, um neue Arbeitskräfte für die Pflanzungen anzuwerben.
Die Geschichte beginnt vielversprechend mit einer geheimnisvollen, nicht ganz ungefährlichen Aufgabe in unbekannten Weltgegenden, die die Abenteurerseele fesseln. Dann aber verliert sich die Handlung in teils unmotivierter, teils hektischer Action - als sei das Ganze ursprünglich der Entwurf zu einem Filmdrehbuch gewesen, das aber nie auf der Leinwand realisiert wurde. Es raschelt gehörig im Gebüsch, Augen starren und Pfeile schwirren, aber es reißt einen nicht wirklich mit.
Der Ich-Erzähler bleibt seltsam konturlos, seine Motivationen sind unklar, sein Handeln vom Augenblick bestimmt, man erfährt eigentlich nichts über ihn. Er verhandelt, er raucht, er schwitzt, er droht, er schießt, er steuert, er reißt Frauen auf, er läuft, er guckt, er verirrt sich, er erwirbt Rum und Ruhm, er schüttelt Henry Ford die Hand und zum Schluss flüchtet er. Fordlandia sollte eigentlich der Anlass all seines Handelns sein, doch im Grunde ist es nur die Kulisse. Der Roman hätte auch in einem Kriegsgebiet, in der Pionierzeit, im Wilden Westen, beim Goldrausch oder vor jeder anderen Abenteuerkulisse spielen können. Wer sich wirklich für Fordlandia interessiert, ist mit einem Sachbuch besser bedient - und wer ein Urwald-Abenteuerbuch ähnlichen Typs, aber besser geschrieben, sucht, der lese "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad.