Ich bin auf dieses Buch durch eine Empfehlung im Romane-Forum bei Amazon aufmerksam geworden und war neugierig, wie die Autorin diesen Spagat zwischen den Geschwistern auf der einen Seite und der Beziehung auf der anderen hinkriegt.
Aber der Reihe nach:
Das Buch ist einfühlsam geschrieben, die Autorin versteht es in den verschiedenen Situationen die passenden Bilder zu zeichnen. Negativ sind mir die gebetsmühlenartigen Wiederholungen einzelner Versatzstücke aufgefallen. Da wäre zunächst die Unterlippe, an der Lochan ständig herumkaut, was jedes Mal eine Erwähnung wert ist, Willas Haare, die immer und immer wieder in der Sonne goldblond leuchten und die Körper, die sich ständig verkrampfen. Ich war schon versucht, eine Strichliste zu führen, wie oft diese Dinge noch daherkommen.
Davon abgesehen versteht es die Autorin, den Leser in den Bann zu ziehen. War ich anfangs nur neugierig, konnte ich mich nach der Leseprobe nicht mehr von dem Buch trennen.
Handlung:
Die Handlung ist eindeutig die große Schwäche dieses Buchs. Zunächst fällt auf, dass die beiden Hauptdarsteller viel zu perfekt sind. Zwar hat die Autorin Lochan mit dem Makel "Panikattacken" ausgestattet, darüber hinaus ist er aber perfekt. Gut in der Schule, Studienplatz an einer Eliteuni, macht anderen Mitschülern die Hausaufgabe um seiner Angebeteten ein Geschenk zu machen, kümmert sich aufopfernd um seine Familie - kurz gesagt, er ist Mr. Perfect. Maya dagegen ist einfach nur perfekt, nichts weiter, einfach nur perfekt - wunderschön, kümmert sich ebenfalls aufopfernd um die Familie, vor lauter Perfektion versinkt der normalsterbliche Leser augenblicklich im Erdboden. Leider leidet unter all dieser Perfektion die Glaubwürdigkeit beider Protagonisten. Am glaubwürdigsten kommen die beiden Kleinsten rüber; die Zankereien, Fragen und das Herumalbern der beiden Kinder überzeugen während der gesamten Handlung (Die Autorin hat vermutlich selbst Kinder). Kit, der Drittälteste wirkt ebenfalls glaubwürdig, die Mutter wirkt dagegen wieder in ihrer Klischeerolle erstarrt.
Mehr hatte ich mir von dem eigentlichen Hauptkonflikt in dieser Handlung, die Inzestbeziehung zwischen den beiden Protagonisten, erwartet. Leider wurde dieser Konflikt nicht ausgetragen, nur ab und zu mitgeteilt. Ständig wurde man von der Autorin aufgefordert, sich vor Augen zu führen, dass die beiden ja Geschwister sind. An ihrem Verhalten, auch vor der eigentlichen Beziehung, erkennt man das nicht. Der eigentliche Konflikt wird nur dadurch mitgeteilt, dass sich die beiden Protagonisten ab und zu die gesetzliche Situation vor Augen führen und, pflichtbewusst wie Familie Walton eben ist, belastet sie das ganz energisch. Die Autorin beschreibt hier zwei normale Teenies, die sich ineinander verlieben und gleichzeitig eine Tafel umgehängt haben, auf der steht: Oh wie schrecklich, das sind ja Geschwister. Die beiden kommen zu keinem Zeitpunkt glaubwürdig als Geschwister rüber. Die Autorin erkennt das selbst auch und meint ab und zu entschuldigend in einer der beiden Stimmen: Wir waren nie wie Geschwister.
Gut - das sei so eben hingenommen, aber leider entschädigt der weitere Handlungsverlauf in keiner Weise für diesen Mangel. Die Handlung ist von Anfang an durchschaubar; zwar überrascht letztlich die Intensität, aber die unvermeidliche Zäsur an sich, bleibt vorhersehbar. Wie der Schnitt zustande kommt, wirkt mehr als konstruiert, aber das sei der Autorin noch nachgesehen.
[Spoiler]
Der Konflikt Mutter-Kinder ist nicht vorhanden, und leider drückt sich die Autorin auch um den eigentlich größten Konflikt in der Schlussphase, der zwischen Kit und Maya; der bleibt vollkommen unerwähnt. Leider betrügt die Autorin die Leser gerade in der Schlussphase noch ein weiteres Mal. Eine der letzten Szenen beginnt, als Maya sich selbst im Spiegel betrachtet und man erfährt von ihren weiteren Plänen. Zu diesem Zeitpunkt besteht leider nicht mehr der geringste Zweifel daran, dass dieser Plan nicht durchgeführt wird. Gerade bei der eigentlichen Schlusspointe hätte man mehr Kreativität erwartet. Vor lauter Vorhersehbarkeit ist man versucht sich zu wünschen, Maya würde doch um Himmels Willen ihren Plan in die Tat umsetzen. Gleichzeitig weiß man schon am Beginn der Szene, dass das wohl ein frommer Wunsch bleiben wird. Familie Walton bleibt Familie Walton - gute Nacht John Boy, gute Nacht Maya.
[Spoiler Ende]
Fazit: Alles in Allem aber ein sehr unterhaltsamer, bewegender und sprachlich ausgereifter Roman; großes Gefühlskino, das mir seit langen wieder einmal eine Rezension wert ist. Dafür vergebe ich drei von fünf vorhersehbar, schmachtenden Bewertungssternen.