So widersprüchlich die Überschrift zunächst auch klingen mag, so charakterisiert sich "Footsteps 2" tatsächlich am besten. Einiges, der größere Teil, ist vollkommen gelungen und macht, sofern man den Stil Chris de Burghs grundsätzlich mag, das Album zum Pflichtkauf. Die Deluxe-Version mit DVD lohnt sich, weil diese neben "Making of" und drei Video-Clips von Album-Songs, auch noch sechs weitere Lieder (Live-Versionen und Neuaufnahmen z.B. eine wunderbare neue Einspielung von "The lady in red") enthält, die auf dem eigentlichen Album nicht vertreten sind. Einiges aber tendiert zum Trash oder ist mindestens so unnötig, wie noch eine weitere Waschmittel-Marke aus dem Hause Henkel.
Auch wenn man wohlerzogen das Positive vor dem Negativen nennt, mißachte ich hier diese Regel, weil es entscheidend für den Gesamt-Eindruck des Albums sein kann. Bitte schalten Sie nach Verklingen von Track 3, einer absolut gelungenen Version des Mike and the Mechanics Klassikers "The living years", sofort vor auf Track 5! Bitte, vertrauen Sie mir und überspringen Track 4!
Ich kenne zu wenig von Roy Orbison, als das es mir zustünde mich über sein Lebenswerk zu äußern, aber ich kenne, wie wahrscheinlich jeder, genügend große Hits von ihm, die für ein solches Cover-Album ganz und gar passend und geeignet gewesen wären. Aber dieser legendäre Vertreter der Sonnenbrillen-Fraktion hat neben gut hörbaren Klassikern wie "You got it" oder "Only the lonely" auch ein Verbrechen begangen, mit dem sich jeder Sänger für Autohaus-Eröffnungen oder Baumarkt-Jubiläen qualifiziert - "Blue Bayou"! Einer der schlimmsten Schmachtfetzen der Musikgeschichte und ein nicht überwindbares Manifest des schlechten Geschmacks! Warum, um Himmels Willen, hat Chris de Burgh ausgerechnet dieses Lied ausgewählt?
Und als würde er meine Einschätzung dieser triefenden Hymne an ein Urlaubs-Paradies teilen, klingt seine Version auch eher nach einer Klang-Karrikatur, als nach einer ernstgemeinten Hommage! Das Arragement bleibt nah am Original, schlimm genug, aber der Background-Chor, aus vom Leben frustrierten Hausfrauen mit Heimat-Chor-Erfahrung, gibt der Nummer den Rest. Ein ohnehin schon fast unerträgliches Lied wurde hier zum idealen Folter-Instrument perfektioniert.
Danach wird es aber sofort wieder besser und gewagter. "SOS" von Abba ist unerwartet eines der Highlights des Albums, weil Chris de Burgh das Arragement vollkommen umbaute und das Lied, im Vergleich zum Original, einen gänzlich anderen Charakter bekommt.
So auch bei Presleys "In the ghetto" und "Long train running" von The Doobie Brothers. Chris de Burgh ehrt die Originale in dem er sie eindrucksvoll neu kreiert. Ebenso gelingt seine englische Adaption des Karat-Klassikers "Über sieben Brücken". Auch wenn er hier musikalisch nahe an der hymnenhaften Struktur des Originals bleibt, ist die Übersetzung die eigentliche Überraschung. Chris de Burgh ist gelungen den Text in phonetisch auf die Melodie singbares Englisch herüberzuheben, ohne das die inhaltliche Aussage dabei auf der Strecke blieb.
Und dann wäre da noch die 4528. Cover-Version von "Let it be". Die Beatles waren groß, der Song war groß, alles ohne den mindesten Zweifel. Aber muß nun deswegen jeder seine Version dieses Liedes aufnehmen? Und wenn es wenigstens seine Version wäre. Das Arragement ist aber fast wie beim Original (und das von wahrscheinlich 98% aller Cover-Versionen dieses vollkommen überstrapazierten Klassikers), nur wirkt es inzwischen nicht mehr, es nervt eher. Kein Mensch braucht das, außer vielleicht die Zielgruppe des oben erwähnten Damen-Chors, die es für irre kreativ hält, daß nun auch dieser und jener einmal bewiesen hat, daß er "Let it be" singen kann. Chris de Burgh kann es auch, nun wissen wir's, aber es wäre nicht nötig gewesen.
Insgesamt ist "Footsteps 2", wie eigentlich auch zu erwarten war, ein sympathisches Album geworden. Und das im Booklet in einigen Jahren in Aussicht gestellte "Footsteps 3", wirkt daher nicht wie eine Drohung.