Mit "Footprints..." lieferten Envy 2001 ihr Debut auf Rock Action ab. Dank des Mogwai-Labels erreichten sie so erstmals ein breiteres Publikum in Europa. Da ich zu dieser Zeit selbst viel Mogwai hörte, kam ich also auch irgendwie mit Envy in Kontakt, holte mir das Album - und war erstmal enttäuscht. Jetzt, ein paar Jahre später, höre ich das Album noch immer gern und kann ich meine Begeisterung nur schwer in Worte fassen. Ich versuche es trotzdem.
Die Enttäuschung beim ersten Durchlauf hatte einen einfachen Grund: Ich hatte eine völlig falsche Erwartungshaltung. Ich erwartete epische Songs im Stil von Mogwai, eventuell begleitet von wütenden Ausbrüchen wie bei Isis oder Neurosis. Das sollte ich auch noch von Envy zu hören bekommen, aber nicht auf diesem Album. Denn "Footprints..." ist trotz japanischer Texte ganz tief im modernen Hardcore verwurzelt und ähnelt Bands wie Modern Life Is War oder auch den frühen Songs der deutschen Escapado (die jedoch beide jünger sind bzw. waren). Envy verfolgen musikalisch ein interessantes Konzept: es wird nicht Gesungen sondern fast nur Geschrien und die Melodien werden stattdessen auf die Gitarren ausgelagert. Die Songs sind meist kompakt gehalten, musikalisch relativ aggressiv und es fehlt der klassische Aufbau aus Strophe und Refrain, alles ist eher ein ständiges Fließen und Wogen der Geschwindigkeiten und Emotionen. Das alles macht das "Einhören" anstrengend, steigert aber die Freude am Wiederhören, da sich immer neue Schichten aus der Musik schälen.
Ein ganz großes Lob verdienen Envy für den perfekten Fluss des Albums: "Zero" stimmt langsam ein und wiegt den Hörer fälschlicherweise in Sicherheit. Diese wird aber jäh durch ein wütend peitschendes Schlagzeug und einen noch viel wütender keifenden Tetsuya Fukagawa zerrissen und Envy werfen einem mit den folgenden drei Songs erstmal echte Brocken um die Ohren, die zwar immer wieder kurz durch ruhigere Passagen unterbrochen werden, aber nur um umso brutaler wieder loszupoltern. Erst beim fünften Lied ist - trotz gereizter Grundstimmung - so etwas wie eine kleine Verschnaufpause möglich und es wird sogar zum ersten Mal gesungen. Wirklich zu Ruhe kommt man trotz der ab jetzt häufigeren Inseln der Ruhe aber nie, die Spannungsschraube bleibt bis zum fulminanten letzten Song eng angezogen. Dieser steigert sich dann über fast 4 Minuten hin zum unvermeidlichen Ausbruch, fängt sich nochmal kurz, lässt dann die völlige Zerstörung hereinbrechen und klingt schließlich in einem entspannten Akustik-Part aus, der irgendwie wieder die Brücke zu "Zero" am Anfang schlägt. Beim Schreiben dieser Zeilen ging mal wieder die Begeisterung mit mir durch, deshalb nochmal in Kurzfassung: der Spannungsaufbau ist ganz großes Kino!
Insgesamt ist "Footprints..." ein großartiges Album, das wahrscheinlich nur aufgrund seiner Exotenstellung nicht zu einem Meilenstein des modernen Hardcore wurde. Gleichzeitig markiert es aber auch das Ende einer Phase in der Bandgeschichte von Envy, von der ich persönlich auch gerne noch mehr gehört hätte - die folgenden Alben haben eine etwas andere Richtung einschlagen, hin zu längeren und ruhigeren Songs, und lassen manchmal die Agressivität und Fokussiertheit von "Footprints..." vermissen. Dennoch waren und sind Envy eine absolute Ausnahmeband, die wie kaum eine andere einen unverwechselbaren, eigenen Stil geschaffen hat.