Kann man einer Literaturverfilmung den Vorwurf machen, zu buchgetreu zu sein? Rainer Werner Fassbinders Effi Briest liefert traurigerweise den Beweis dazu. Wobei man gleich Fontane in Schutz nehmen muss, an der
Vorlage hat es bestimmt nicht gelegen. Effi Briest ist nicht von ungefähr die bekannteste Ehebrecherin der Literaturgeschichte und so mancher Leser hat schon über ihr Schicksal gegrübelt. Fassbinders Film hängt jedoch zu sehr an den Worten der Geschichte. Das Feingeistige, ja das Poetische wird in diesen 135 Filmminuten schmerzlich vermisst, die sich qualvoll in die Länge ziehen. Am Ende hat das Werk keine Überraschung zu bieten und die altbekannten Worte von Vater Briest klingen dem Zuschauer in den Ohren: "Ach, Luise, lass...das ist ein zu weites Feld."
Eine Erzählerstimme aus dem Off, der es anscheinend manchmal an dem Gefühl für die vorgetragenen Sätze aus Fontanes Roman mangelt, führt uns im Hause der Briests ein. Ausgelassen schaukelt eine junge Frau im Garten, von ihrer Mutter beobachtet, mit der sie ein Gespräch führt. Eine Szene später unterhält die 17jährige Effi ihre Freundinnen mit der Erzählung einer alten Liebesgeschichte ihrer Mutter. Und eben dieser Verehrer aus längst vergangnen Tagen hält sich nun bei den Briests auf, die sich durch den Besuch des edlen Herrn, der mittlerweile zu Ansehen und Titel kam, sehr geehrt fühlen. Dann geht alles sehr schnell: Effi wird von ihrem Vater in Kenntnis gesetzt, dass eben dieser Baron von Innstetten um ihre Hand angehalten hat. Ein kurzer Blick von Instetten auf Effie und zurück und das war dann ist die Verlobung perfekt. Was der Mutter einst verwehrt blieb, scheint sich jetzt so glänzend bei der Tochter zu erfüllen. Der Zuschauer sieht Mutter und Tochter ins Gespräch vertieft, spazieren gehen. Aber es ist ein eher unangenehmer Blick, denn die Kamera verweilt hinter den Hecken und Bäumen und man kommt sich wie ein unerwünscht intimer Beobachter vor. Allerdings hat Effi wenig darüber zu sagen, wie sie die Verlobung mit dem viel älteren Instetten in ihrem Herzen sieht. Effi liebt eigentlich unterschiedslos jeden, der sie mag, aber von der wahren Liebe hat sie eigentlich keine Ahnung. Aber die Aufregungen der Verlobungszeit und die Einkäufe zur Ausstattung ihres ersten eigenen Haushaltes bereiten ihr Freude und Abwechslung.
Der gebildete, strebsame und sehr nüchterne Instetten und das verspielte, unreife Naturkind Effi Briest, ob das gut geht? Beim Essen unterhalten sich die Eltern Effis über diesen Gegenstand, wobei der Blick des Zuschauers meist nicht direkt auf die Sprechenden gerichtet ist, sondern er muss sie aus der Spiegelperspektive beobachten. Noch irritierender ist, dass die Schauspieler auch eher zum Spiegel gewandt stehen und sprechen und nicht im direkten Kontakt zu der Person im Raum stehen. Diese Technik wird auch in Effis neuem Zuhause in Hinterpommern angewandt. Aus dem engen, vollgestopften Haus der Romanvorlage ist ein ganz feudales Gebäude geworden. Trotzdem wird auch hier die ängstliche Effi von dem Glauben befallen, dass es in ihrem Hause spukt. Für ihre Ängste zeigt der Ehemann nur wenig Verständnis und lässt auch sonst seine kleine Ehefrau aus beruflichen Gründen viel zu oft allein. Auch die feine Gesellschaft erfüllt die Erwartungen Effis nicht. Nur der alte Gieshübler, erweist der jungen Dame Freundschaftsdienste, die sehr geschätzt werden. Gefährliche Abwechslung erhält das Leben der Frau von Instetten, als Major Crampas, ein alter Freund ihres Mannes in Kessin auftaucht. Crampas scheint weitaus mehr Verständnis für die Gefühle einer Frau zu haben, als der nüchterne Instetten. Und weil Instetten sich bald wieder seinen Geschäften wid-men muss, setzten Effie und Crampas ihre Picknicks am Strand alleine fort und unterhalten sich über Gott und die Welt. Crampas setzt Effi hartnäckig den Gedanken in den Kopf, dass ihr Ehemann ein notorischer Erzieher ist, der sie mit der Bewältigung von Spukgeschichten auf den Pfad des Erwachsenenleben bringen will. Der neue Freund dringt immer tiefer in die Gedankenwelt unserer Heldin hinein und es ist ausgerechnet Instettens Argwohn, der Effi endgültig in die Arme des Verführers treibt. Doch glücklicherweise erhält Instetten nach einer Weile einen Beförderungsposten in Berlin. Effi ist froh darüber mit dem ungeliebten Kessin und all ihren dummen Fehlern abzuschließen und ein neues Kapitel zu beginnen. Es kommt ihr so vor, als wäre sie gerade noch einmal davongekommen. Aber macht es die Vergangenheit es den Menschen tatsächlich so einfach?
Teilweise erinnert dieser Film an ein Theaterstück. Einmal, weil immer nur wenige, manchmal sogar nur eine Person auftreten und sich dann meistens in einem begrenzten Raum z.B. einem Zimmer aufhalten. Dann verharren die Beteiligten oft in einer gewissen Position und die folgenden Ereignissse wird dann von der Erzählerstimme berichtet. Dann entsteht dieser Eindruck auch durch die Schauspieler selbst, die sehr genau sprechen und beherrscht sprechen, als würden sie gewissenhaft ihre Rollen spielen und nur sehr wenig Spielraum für Interpretationen haben.
Der Film ist nicht in Sepia, wie es die DVD-Hülle vermuten lässt, gehalten, sondern in Schwarz-Weiß, was die sowieso sehr ungewöhnlich aufgenommenen Bilder, manchmal ziemlich trist erscheinen lässt. Die Szenen werden oft mit weißem Licht ausgeblendet und eine Schrift erscheint auf dem Bildschirm, die einen erläuternden oder weiterführenden Satz der Literaturvorlage darstellt. Der Fluss der Handlung, der durch die seltsam stockenden Bilder sowieso kaum in Schwung kommt, wird dadurch natürlich immer sehr grob unterbrochen.
Der Roman erzeugt sehr viel Mitgefühl und Empathie für Effi, aber auch für Instetten. Im Film dagegen ist man von der zähen Erzählung schon so genervt, dass man eigentlich nur durch eine leidenschaftliche Schlusssequenz wachgerüttelt worden wäre. Aber diese Chance versucht diese Adaption erst gar nicht zu nutzen. Das Ende wirkt konstruiert und sehr distanziert. Einzig die Darbietung von Wolfgang Schenck, als er zu einer Rede anstimmt, warum eine Duellierung als Beleidigter unumgänglich ist, kommt steigert etwas das Zuschauerinteresse. Aber da größtenteils nur die Stimme zu hören ist und der Zuschauer dann einen unerträglichen Karlheinz Böhm am Klavier sitzen sieht, ist auch diese Szene ganz verdorben.
Wirklich, Fontanes Effi Briest hätte etwas viel Besseres verdient, als dieses furchtbar zähe Machwerk!
Einiges unterhaltsamer, oder zumindest aufschlussreicher ist übrigens das Extra Rainer Werner Fassbinder, 1977, der nicht nur einen Einblick in die Arbeit des Filmemachers, sondern auch in dessen Seelenleben gibt.