ir schreiben das Jahr 2011 und es erscheint ein neues Studio-Album von Yes, 10 Jahre nach Magnification. Was kann, was darf man sich davon erwarten? Zwei Mitglieder der Stammbesetzung fehlen, da sie schwere Erkrankungen hinter sich haben und dem Tournee-Betrieb nicht mehr folgen können. Der Sänger einer Yes-Coverband nimmt Andersons Posten ein und Geoff Downes ersetzt Rick und Oliver Wakeman. Trevor Horn produziert. Beim Songmaterial greift man einige alte Kompositionen von Downes und Horn auf sowie Material von Howe und Squire, nur ein Song ist anscheinend eine echte Band-Komposition aus jüngster Zeit. Die Musiker sind zwischen 59 (Downes) und 64 (Squire) Jahre alt, Ausnahme Benoit David (45). Der Popularitätsstatus von Yes sank in den letzten 20 Jahren stetig, sie sind von einer Band, die auf der Union-Tour 1991 noch große Hallen füllte, zu einer Nischengruppen-Angelegenheit geworden, können allerdings nach wie vor auf eine solide Fan-Basis bauen, die für allzugroße Deals mit Plattenfirmen freilich nicht mehr ausreicht. Mit Frontiers Records aus Italien hat man nun ein kleineres, nach eigenen Angaben eher auf 80er-Jahre-Musik spezialisiertes Label gefunden, das demnach aller Wahrscheinlichkeit nach Yes eher in 90125- als in Relayer-Gefilden zuhause sieht und seinen Einfluss sicher in dieser Richtung auch geltend machte. Die Musikindustrie hat zudem gewaltige Umwälzungen hinter sich, der Druck auf die Firmen ist groß. Die Yes-Klassiker der Siebziger entstanden in einem für Künstler unglaublich fruchtbaren Klima. Da sich progressive, abenteuerlustige Musik damals sehr gut verkaufte, ließ man den Musikern alle Freiheiten bei der Entstehung neuer Alben. Ab den 80ern beeinflussten zunehmend A&R - Knechte aus den Plattenfirmen die Aufnahmen, das Lineup und das Image der Bands. Heute schafft es nur noch eine Handvoll Künstler im Profi-Business, ihre Alben ungestört zu schreiben und aufzunehmen, im Progrock-Bereich fällt mir dabei eigentlich nur noch ein großer Act ein, der so produziert und das ist Rush. Yes gehört nicht mehr in diese Liga, sie haben also sicher deutliche Kompromisse einzugehen.
Macht man sich dies alles klar, sieht man, wie schwer es unter diesen Umständen sein muss, halbwegs brauchbare Musik zu produzieren. Selbst wenn sie noch die Energie hätten, kühne und kompromisslose Musik zu machen, wäre es eher unwahrscheinlich, dass eine größere Plattenfirma das veröffentlichen würde.
Lässt sich unter diesen widrigen Umständen und im Angesicht einer sehr kritischen Fangemeinde überhaupt ein halbwegs vernünftiges Album realisieren? Diese Frage muss jeder für sich selber entscheiden, denn musikalische Qualität ist nicht messbar und es ist alles Geschmackssache. Hier nun meine Sicht der Dinge:
Ich persönlich habe zunächst mal weder mit Horn noch mit Downes ein Problem, ich mag Drama sehr gerne und halte Horn für einen fähigen Produzenten, der 90125 zu einem Album machte, das für die 80er prägend war und weit mehr als seelenloser Poprock. Sogar Frank Zappa spielte "Owner of a lonely heart" live. Nach einigen eher schwach gemischten und produzierten Studioalben war ich mir außerdem wegen der Verpflichtung Horns sicher, dass es sich diesmal zeitgemäß und klanglich einwandfrei anhören würde. Ich stand dem Album also anfangs schon wohlwollend gegenüber.
Der 23minütige Longtrack "Fly From Here" leidet zwar etwas an ein paar schludrigen Übergängen, ist aber imho weit mehr als ein Konstrukt aus lieblos aneinandergekleisterten alten Buggles-Songs. Themen werden wiederholt und variiert, Trademarks wie Chorgesang, typische Howe-Gitarrenparts und die voluminösen, warmen Bass-Sounds von Squire kommen gut und pointiert zum Einsatz, Benoit David klingt meist eher nach Trevor Horn als nach Jon Anderson. Downes ist kein Wakeman, täterätätää-Soli bleiben also aus, neben geschmackvollen Texturen gibt es sparsame Hammond-Sounds und die Downes-typischen synthetischen Streicher. Das Stück wuchs hier nach und nach immer mehr und ist mittlerweile mein klarer Favorit, der das Album prägt und zu einem für mich guten Album macht.
Die kürzeren Songs der zweiten Albenhälfte gefallen mir nicht alle gleich gut, ich habe aber keinen klaren "Skip-Song", den ich beim Hören des Albums ausspare. Außer "Into The Storm", das etwas vertrackter und rockiger ist, sind das alles leicht zu hörende Songs, die hi und da durch kleine nette Details etwas gewürzt werden, meist sind es vorsichtig eingebaute krumme Takte. Keine Sensationen, wobei ich sagen muss, dass hier Life on a Film Set ein kleiner Hit geworden ist, ich höre das unheimlich gern, es ist eingängig, ohne stupide zu sein. Hour of Need und The Man You Always Wanted Me To Be sind brauchbare, für mich auch gänzlich unpeinliche Pop-Songs, die mich dennoch zufrieden schmunzeln lassen, wenn ich Chris Squires Vocals höre, die ich so mag, ebenso wie die akustische Instrumentierung in Hour of Need. Die stimmliche Nähe Davids zu Anderson bei Hour of Need macht die Sache noch schöner. Solitaire bietet bewährte Steve Howe - Akustik - Kost zum Zurücklehnen und Genießen.
Ist das "progressiv", abenteuerlustig, mutig, kühn, kompromisslos? NEIN, zu keinem Zeitpunkt. Dennoch ist es weit mehr als ich erwartet hatte. Das Album bietet ein geschlossenens musikalisches Bild, ist sorgfältig ausgearbeitet, hat eine gelungene Dramaturgie. Das Songwriting ist solide und die musikalischen Leistungen souverän. Produktion und Mix sind überzeugend, druckvoll und transparent. Es macht Spaß, das Album zu hören. Außerdem empfinde ich große Dankbarkeit dafür, dass ich einige der Yes-Trademarks nochmal auf neu aufgenommenen Studio-Songs hören darf.
Danke, Yes!