Der Roman verbindet zwei subjektive Wahrnehmungsperspektiven auf das Dritte Reich: die von Hermann Karnau, Wachmann und Stimmforscher, und die der zwölfjährigen Helga, Tochter von Joseph Goebbels, bis zur Ermordung Helgas und ihrer Geschwister im Führerbunker durch ihre Eltern. Karnau, der Ohrenmensch und Akustiker, erlebt die Vorgänge der Nazi-Zeit seltsam unbeteiligt, wie aus einer wissenschaftlichen Betrachterperspektive, jedoch ohne kritische Objektivität. Ähnlich und doch ganz anders das Mädchen Helga, das zwischen kindlicher Naivität und ahnungsvoller Angst schwankt. Dabei sind die Figuren Karnau und Helga eigentlich nur oberflächlich verbunden, repräsentieren aber füreinander eine spezifische Menschlichkeit. Beyer gelingen dabei beängstigende Schlaglichter auf die Anschauungs- und Gefühlswelt dieser beiden so unterschiedlichen und doch repräsentativen Zeitgenossen, z.B. die seltsam sachliche Wahrnehmung Karnaus, der im Zuge seiner Untersuchungen auch an Menschenversuchen beteiligt ist, oder die innere beängstigte und beklemmte Wahrnehmung der Sportpalastrede Goebbels' durch seine Tochter. Speziell durch die Darstellung Goebbels' als Vaterfigur gewinnt die Gestalt und ihr Handeln vor dem Hintergrund des historischen Bewußtseins des Lesers durch die so erzeugte kognitive Dissonanz an Unheimlichkeit. Jedoch hat der Roman auch Längen, insbesondere bei den für meinen Geschmack zu ostentativ und breit ausgetretenen Schilderungen von Hörvorgängen und deren technischer Konservierung. Diese verlangsamen das Tempo manchmal bis zu Stillstand, ohne das ein inhaltlicher und literarischer Gewinn feststellbar wäre. Doch es lohnt sich durchzuhalten, denn die Schlußkapitel mit den Darstellungen des Lebens und Sterbens im Führerbunker während der letzten Kriegstage sind zweifellos das Beste, Dramatischste, Bedrückendste und Bewegendste des Buches. Insbesondere mit der Schilderung der Tötung der Goebbels-Kinder durch ihre Mutter mttels der von Karnau heimlich durchgeführten Tonaufzeichnung ist ein atemberaubendes Meisterwerk, dessen Verdienst darin besteht, daß die Protagonisten zwar auf der Täterseite stehen, jedoch eher unschuldig-unbeteiligte Beobachter des Geschehens sind und gleichermaßen zu Opfern werden. Die Auflösung manichäischer Täter-Opfer Dialektik mit stets moralischer bis moralisierender Prägung, die so viele literarische Darstellungen des Dritten Reiches beherrscht, läßt das NS-System und ihre Repräsentanten indessen noch grausamer und entmenschter erscheinen.