Emily Nasrallahs Buch "Flug gegen die Zeit" ist aktueller denn je. Die Story ist einfach: Ein älteres Ehepaar aus den ländlichen Regionen des Libanon besucht die Kinder und Enkelkinder, die vor Jahren nach Kanada ausgewandert sind - wie so viele Libanesen, die wegen der wirtschaftlichen und politischen Probleme ihre Heimat verlassen haben. Radwan und Raja, so heißen die Großeltern, kommen mit dieser Reise zum ersten Mal aus ihrem Dorf, was alleine schon aufregend genug ist.
In Kanada müssen sie dazu erleben, dass ihre Kinder sich mittlerweile den westlichen Gewohnheiten angepasst haben, noch mehr gilt das für die Enkelkinder. Es fällt den Großeltern schwer zu akzeptieren, dass - für sie - die Kinder sich damit von allen Werten der Großeltern entfernt haben. Besonders der Großvater empfindet das als Verlust, ja, als Verrat.
Enttäuscht darüber möchte er nicht in Kanada bleiben, sondern kehrt wieder in den Libanon zurück. Dort erwartet ihn ein erneut ausgebrochener Bürgerkrieg ...
Nasrallah gelingt es, den Lesern das Problem der Entfremdung zwischen den Ausgewanderten und den Zurückgebliebenen nahezubringen, das besonders stark ausgeprägt ist bei den an sich schon kosmopolitisch orientierten Libanesen, die sich in anderen Kulturen schnell assimilieren können. In Anbetracht der gerade wieder aktuellen Zuwanderungsdiskussion in Deutschland hilft das Buch zum Verständnis der "anderen Seite", also der Immigranten.
Außerdem wird die Zerissenheit des Libanon aus der Sicht der Opfer ohne Pathos, aber dennoch eindringlich geschildert.
Es ist ein großes Verdienst des Lenos-Verlages, dem deutschsprachigen Leser diese Literatur zugänglich zu machen. Ich empfehle auch die anderen Bücher von Emily Nasrallah aus dieser Reihe: Septembervögel und Das Pfand.