Der Missionar und der Schamane
Ein Roman des Schwarzaustraliers Mudrooroo
Die äussere Handlung von «Flug in die Traumzeit» ist leicht zu rekapitulieren. Auf einer Insel vor der Südküste Australiens wird im 19. Jahrhundert eine Missionsstation geschlossen. In den Augen des Missionars ein Erfolg, ist sein Lebenswerk in Wirklichkeit ein Desaster. Die Aborigines sind auf unwirtliches Terrain umgesiedelt worden; fern vom Land ihrer Ahnen und entfremdet von der eigenen Vorstellungswelt führen sie in einer ökologisch verwüsteten Zone das Dasein von Abhängigen. Sie frönen dem Christenglauben, um vom Missionar in Ruhe gelassen zu werden. Doch nun, da dieser abreist, sieht der Schamane Jangamuttuk den Moment gekommen, sich der Bevormundung zu entziehen. Er führt den Rest seines Clans weg von der Insel in eine Zukunft, die ein Anknüpfen an die Vergangenheit ist.
Kaum wiederzugeben ist die andere Ebene des Romans, welche im deutschen Buchtitel wie auch im Titel des 1991 erschienenen Originals anklingt: «Master of the Ghost Dreaming». In Bildern, so phantastisch wie willkürlich, taucht der Schamane in die Vorstellungs- und Erlebniswelt der Aborigines ein. Jangamuttuk verwandelt sich in ein Tier und vollzieht den Schamanenflug, wodurch ihm Offenbarungen und Visionen zuteil werden, die ihm als Grundlage dienen für seine Entscheide, welchen Weg der Clan einschlagen soll. Ob Mudrooroo dabei poetisierte Vorstellungen oder ethnographisch akkurate Rekonstruktionen solch innerer Erlebnisse schildert, wird nicht klar.
Mudrooroo heisst eigentlich Colin Johnson, geboren wurde er 1938 im westaustralischen Cuballing. Seit 1988 nennt er sich Mudrooroo, was in der Sprache des westaustralischen Nyoongah-Stammes «Papierrinde» bedeutet. Mudrooroo gilt als einer der Begründer der Aborigines-Literatur, sein Roman «Wild Cat Falling» (1965) als erster Roman eines Aborigine. Vor drei Jahren ist nun aber publik geworden, dass Mudrooroo kein Aborigine ist. Bekannt war, dass die Mutter eine verarmte, von irischen Einwanderern abstammende Weisse war, die den Sohn einem katholischen Waisenhaus überlassen hatte. Der Vater, der vor Mudrooroos Geburt starb, war ebenfalls kein Aborigine, wie Nachforschungen ergaben, sondern stammte von Schwarzen ab, die aus den USA eingewandert waren.
Entwertet das Mudrooroos Schilderungen des Lebens australischer Eingeborener? Verliert er nun das Recht, in ihrem Namen zu sprechen, nachdem er sich doch in seinen Werken als Vertreter und Kenner der schwarzaustralischen Kultur und aboriginalen Lebens erwies? Anzumerken wäre, dass sich Mudrooroo bereits in den fünfziger Jahren zu den Aborigines zählte im festen Glauben, einer zu sein. Und dies notabene zu einem Zeitpunkt, als ihm daraus keine Vorteile, sondern handfeste Nachteile erwuchsen. Zum Beispiel der, als Aborigine nicht einmal australischer Staatsbürger zu sein.
Der Fall Mudrooroo zeigt, wie verfänglich das Kriterium der «Blutszugehörigkeit» ist im Hinblick auf «Kultur». Kulturelles Erbe ist stets auch Vermischung, Absorbierung «fremder» Einflüsse. Es ist dynamisch, offen und hat nicht nur mit ethnischer Zugehörigkeit, sondern auch mit Identifikation und persönlichem Bekenntnis zu tun. Es wäre interessant, zu erfahren, welchen Unterschied die Revision seiner Herkunft für Mudrooroo macht. Er selber hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, seine Abstammung zu klären, sondern hat mit widersprüchlichen Aussagen die Spuren verwischt. Und als ihm 1996 ein Literaturpreis verliehen wurde, der eingeborenen Schriftstellern vorbehalten ist, hat er diesen nicht abgelehnt. Wir wollen nicht unterstellen, dass dabei die Preissumme von rund 30 000 Franken eine Rolle spielte.
Georg Sütterlin
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.