Es ist ja nun wirklich nicht so als müsse man betonen, dass Orths ein begnadeter Erzähler ist.
Sein "Lehrerzimmer" wird mir für immer wegen seiner Meisterleistung der Darstellung eines auf den Anruf des Studienseminarleiters wartenden Referendars in lebhafter Erinnerung bleiben.
Nun finden wir aber in Fluchtversuche Erzählungen. Und diese, m. E., entscheidende Form zur Beurteilung der Qualität eines Schreibenden beherrscht er unter den deutschen Schriftstellern der Gegenart mit der größten Meisterschaft.
Seine Texte sind glänzend geschrieben. Feine Sprache, welche einen des Öfteren Gänsehaut macht - schlicht wegen der Eleganz. Einen Erzähl- und Spannungsbogen selbst auf so kleinen Raum, der leider viel zu selten so gekonnt gelingt, wie bei ihm.
Die Erzählungen sind thematisch nicht zusammengehörig und doch lässt jede Einzelne zum sanften Zuklappen des Buches bewegen. Man will einfach in Ruhe darüber nachdenken. Seine Gedanken haben Tiefgang, sind prosaische Philosophie. Wenn auch in unterschiedlicher Qualität. Aber allein der Beginn ist fulminant:
Ein Mann erkennt in Fremden seine Freunde wieder, in diesen wiederum andere seiner Freunde und so fort. Es drängt sich ihm die Frage nach der Einmaligkeit des Menschen auf und kommt zu dem ihn erschreckenden Ergebnis, dass diese Illusion ist. Denn wenn auch er nur "Abklatsch" eines Anderen ist, was ist dann seine Einmaligkeit? Das Ende der Erzählung wird selbstredend nicht verraten, aber sie erschreckt. Vor allem den Leser.
Orths schafft hier kleine Gucklöcher in die metaphysische Betrachtung der Welt und ihrer Alltäglichkeit, die wir so oft hinnehmen ohne drüber nach zu denken. Er tut es.
Das Ergebnis ist ein schönes, wunderbares Buch. Nichts zum "mal eben weglesen", sondern zum genießen.