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Eine Odyssee durch die Gegenwart auf der Suche nach der Vergangenheit, 21. April 2011
Zu den überraschendsten Erkenntnissen einer zweiten Buchlektüre gehört es, dass man offenbar ein ganz anderes Buch in der Erinnerung gespeichert hatte, als das, welches man nun liest. Ich hatte die "Flucht ohne Ende" das erstemal als Student gelesen, und behalten hatte ich vor allem die Weltkriegsteilnahme und die anschließende sibirische und kauskasische Odyssee des Oberleutnant Franz Tunda.
Bei der zweiten Lektüre stellte ich allerdings fest, dass diese Odyssee bei weitem nicht einmal die Hälfte des Buches ausmacht. Denn schon auf Seite 65 ist Tunda wieder in Europa und fragt sich "Warum habe ich Russland verlassen?". Das möchte der Leser auch gerne wissen, doch eine wirklich überzeugende Antwort gibt es darauf nicht. Stattdessen beginnt Tunda, der jahrelang relativ zufrieden und gelassen in den unendlichen Weiten des Ostens lebte, nun bei seinem Bruder in einer deutschen Stadt X am Rhein, in Wien und Paris nach seiner Vorkriegsverlobten Irene zu recherchieren, die inzwischen längst einen anderen Mann geheiratet hat.
So schließen sich an die sibirische und kauskasische Reise Franz Tundas noch einmal 90 Seiten einer Reise durch die europäische Gegenwartsgesellschaft an ( der ganze Roman umfasst ohnehin nur etwa 160 Seiten!), Heimisch werden kann der passive Tunda nirgendwo, seine Suche nach Irene ist nur das Symptom seiner inneren Heimatlosigkeit. Ebenso wie Joseph Roth selbst ist auch Franz Tunda nirgendwo wirklich zuhause, aber doch untrennabr mit dem Europa verbunden, in dem er sich gerade befindet. "Er hatte keine Sehnsucht nach der Taiga. Hier, so schien es ihm, war sein Platz und sein Untergang. Er lebte vom Geruch der Fäulnis, und er lebte vom Moder, er atmete den Staub der zerfallenden Häuser und lauschte mit Entzücken dem Gesang der Holzwürmer."(S. 159)
Die stärke des vorliegenden Buches liegt also wie so oft bei Roth nicht eigentlich in der Handlungsführung sondern in der unnachahmlichen Sprache, mit der der Autor seinen österreichischen Oblomow auf Reisen schickt. Mit dem Augen Franz Tundas lernt der Leser die Verwerfungen und Paradoxien der Moderne kennen, die linken Schriftsteller, die talentlos und dreist sind, aber schlau genug,, ihre "Dummheit hinter der kommunistischen Gesinnung zu verbergen und die Faulheit mit der Politik zu entschuldigen" (107), die perversen und korrupten Eliten, die deutschen Städte mit einer "Atmosphäre von Sonntagsfreude, Becherklang, Steinkohle, Industrie, Großstadt und Gemütlichkeit."(81), die Salondamen, die hypergesunde aber gedankenlose Jugend, die assimilieren Juden und die Spießigkeit der bürgerlichen Ehe.
So ist das vorliegende Buch auch als eine Zivilisationskritik zu lesen, als die Reise eines Heimatlosen durch eine Gegenwart, in der er den Boden unter den Füßen verloren hat. Denn was Tunda sucht und natürlich nicht mehr finden wird, ist nicht Irene, sondern die versunkene bürgerliche Welt, in der er als Oberleutnant mit der hübschen Tochter eines Bleistiftherstellers verlobt war. Am Ende bleibt Tunda bleibt allein. "So überflüssig wie er war niemand in der Welt." Mit diesem Satz endet das Buch.
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5.0 von 5 Sternen
....die vergänglichkeit in der stimme martin wuttkes, 16. November 2010
Die Vergänglichkeit, die in der Stimme Martin Wuttkes (Heiner Müllers "Arturo Ui" am "Berliner Ensemble", noch immer!) liegt, bringt Joseph Roths Text erst richtig zur Geltung. Der Roman "Flucht ohne Ende" wirkt schnell geschrieben, zügig erzählt, fast wie ein Trivialroman. Manchmal hätte sich Roth mehr Zeit lassen sollen, in einzelnen Szenen - stärker Stimmungen auskosten. Das holt nun Martin Wuttke nach.
Ohne den Vorleser Wuttke, der einer meiner BE-Lieblingsschauspieler ist, hätte ich mir dieses Hörbuch nicht gekauft.
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Leben "in einer ganz bestimmten Vorläufigkeit", 24. März 2004
Rezension bezieht sich auf: Die Flucht ohne Ende. (Taschenbuch)
Im Rahmen einer Facharbeit habe ich mich 6 Wochen mit diesem Roman beschäftigt, haufenweise Sekundärliteratur gewälzt und versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch dazwischen muss man meistens gar nicht lesen, die Problematik ist dem Roman ganz offen zu entnehmen: Der Spätheimkehrer Franz Tunda hat keine Heimat mehr und wird mehr und mehr zu einem unerbittlichen Gesellschaftskritiker, der es nirgends mehr aushählt.
Sicher ein Paradestück von dem Vorzeige-Feuilletonisten der 20er Jahre, der trotzdem zu Roths unbekannteren Werken zählt. Typisch für die Neue Sachlichkeit, wichtig für ihre Zeit. Und heute? Lesenswert.
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