Auch ich habe nicht mehr zu hoffen gewagt, dass "Flucht nach Varennes" auf DVD erscheint. Um es vorwegzunehmen: Bild- und Tonqualität sind fabelhaft, weitaus besser als bei vielen Raritäten, die später auf DVD erschienen sind. Zusätzlich verfügt die DVD über ein profundes Interview mit Ettore Scola, in dem er zur Entstehung des Films wegweisend erzählt. Glücklicherweise handelt es sich jetzt um die ungeschnittene Originalfassung gegenüber derjenigen, die einige Jahre in Deutschland auf VHS erhältlich war, vergriffen ist und nur einmal ausgestrahlt wurde. Die in der der deutschen Fassung geschnittenen Szenen und Dialoge werden im O-Ton auf italienisch mit deutschem Untertitel eingeblendet; oft so dicht, dass Dialoge aus dem Italienischen überganglos ins Deutsche wechseln. Das hat nicht nur einen zauberhaften Hauch kosmopolitischen Charmes, neben rein visuellen Motiven sind es einige wesentliche Dialoge und Monologe - insbesondere die des sich selbst als Protokollführer der Wahrheit ausgerufenen Restif de la Bretonne - die zugänglich werden. Unbegreiflich, wie man seine im eigenen Werk verifizierte Vision eines Europa im Jahre 1992 (!) in der deutschen Fassung schneiden konnte.
Die meisten von uns kennen die Zeit, in welcher der Film spielt, vermutlich aus dem Geschichtsunterricht der Schulzeit. Zwar ist Ettore Scolas Werk ein Film über die französische Revolution, aber nicht verstanden als Streit der Ideologien, sondern - geistvolle Metamorphose - als ein differenzierteres Panorama der Ängste, Hoffnungen, Erinnerungen und Visionen. Mit liebevoller, intimer Genauigkeit, viel Esprit, Witz, Charme und einem Schuß tragischer Ironie, getragen von einem hervorragenden Ensemble bis in die Neben- und Randfiguren, schildert der Film die getarnte Flucht des französische König Louis XVI. und seiner Familie im Juni 1791 aus dem revolutionserschütterten Paris nach Westen zu seinen Verbündeten. Die Flucht endet aber in Varennes, was in einer Parabel Zug um Zug szenisch umgesetzt wird. Der Königsmantel aber sollte durch ein subtiles Unternehmen separat davon nach Westen verbracht werden. Dieses Unternehmen ist der zweite Handlungsstrang, der sich später zu einem verknüpft.
Der Kutsche Louis XVI. folgt zufällig die Kutsche mit einer bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft, die sich nach und nach zusammengefunden hat. In den Gesprächen und Erlebnissen dieser kleinen Gruppe spiegeln sich die gesellschaftlichen Umwälzungen: das Ende des Ancien Régime, das erstarkte bürgerliche Selbstbewusstsein, aber auch schon neu aufkeimender Opportunismus unter dem Deckmantel der Fortschrittlichkeit.
Ein maßstäbliches filmisches Meisterwerk, in dem es um künstlerische Wahrheit geht, welche die Prinzipien der Geschichte respektiert. Umrahmt von einer exzellenten Musik (die - noch - auf CD erhältlich ist), vermittelt uns das Werk Ettore Scolas, dass wir zwar heute andere Gewänder tragen und über gewisse andere Möglichkeiten verfügen; aber in diesem Film findet sich alles wieder, was die heutige Zeit und Welt meint -: auch man selbst findet sich in "Flucht nach Varennes" wieder.