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In einer Sammelbesprechung widmet sich Rolf-Bernhard Essig mehreren Büchern über Polarexpeditionen.
1.) Diana Preston: "In den eisigen Tod" (DVA)
"Etwas zu apologetisch" findet Essig diesen Band, mit dem sich die Autorin seiner Meinung nach in eine Reihe derjenigen Briten stellt, die in Scott bis heute den Helden der Polarexpeditionen sehen. Zwar gefällt dem Rezensenten, dass Preston gut auch die Schwächen von Scott und seiner Expedition analysiert, doch insgesamt scheint es ihm doch ein wenig hagiografisch. Davon abgesehen lobt er jedoch die "schöne" Illustration dieses Bandes.
2.) Roland Huntford: "Scott und Amundsen" (Heyne)
Essig begrüßt ausdrücklich die überarbeitete Neuauflage dieses "packenden" Bandes, in dem der Autor die Schwächen und Stärken der norwegischen und britischen Antarktisexpeditionen genau untersucht. So erfährt der Leser beispielsweise, wie leichtfertig sich Scott auf die gefährliche Reise begeben habe, indem er auf spezielles Training, die richtige Kleidung und die "optimalen " Lebensmittel verzichtete und sich stattdessen auf sein Improvisationstalent verließ. Auch wird nach Essig deutlich, dass Scott allein deshalb zum britischen Helden avancieren konnte, weil er anders als Amundsen über "beachtliches literarisches Talent" verfügte und dem damaligen Bedürfnis der Briten nach Helden entgegenkam. Lediglich das Lektorat des Verlags muss hier bittere Schelte einstecken.
3.) Caroline Alexander: "Die Endurance" (Berlin Verlag)
Essig weist darauf hin, dass dieser "eindrucksvolle Bildband" vor zwei Jahren die unerhörte Konjunktur von Polarbüchern ausgelöst hat. Dies liegt nach Essig jedoch nicht unbedingt an diesem Buch, sondern an dem Helden Ernest Shackleton, der nur 155 Kilometer vor dem Ziel umkehrte, um sich und seine Mannschaft zu schützen und später nachdem sein Schiff vom Eis zerquetscht worden war seine Leute in einer dramatischen Aktion rettete und über 1500 Seemeilen im offenen Boot zurücklegte.
4.) Jennifer Niven: "Packeis" (Hoffmann und Campe)
Diesen Band lobt Essig als "quellennah und voller Einzelheiten". Der Leser erfährt, dass es hier um die kanadische Expedition auf der Karluk geht, bei der das Schiff ebenfalls zerdrückt wurde. Dass die Autorin hier Details schildert, etwa die Zerstrittenheit der Mannschaft oder wie die Rettung letztlich nur mit Hilfe eines Trappers und eines Eskimos gelungen ist, gehört für ihn zu den Stärken des Buchs.
5.) William McKinlay: "Karluk" (Kiepenheuer und Witsch)
Essig erläutert, dass es sich beim Autor um einen Überlebenden der Karluk handelt, der erzählt, dass selbst die Gräuel von Schlachten im Ersten Weltkrieg seiner Ansicht nach die Erlebnisse der Polarexpedition nicht in den Schatten stellen konnten. "Höchst lesenswert", so lautet das knappe Fazit des Rezensenten.
6.) Thomas Kastura: "Flucht ins Eis" (Aufbau)
Ganz anderer Art ist dieses Buch, dass der Rezensent jedoch ebenfalls sehr reizvoll findet. Denn der Autor geht hier der Frage nach, wieso Polarliteratur sich in unseren Breiten so ungeheurer Popularität erfreut. Ist es die Sehnsucht nach "der extremen Herausforderung", der man nur lesend gewachsen ist? Oder erweckt der Kontrast, das Lesen über die Zivilisationslosigkeit, bei uns "Heimeligkeitsgefühle"? Essig weiß an diesem Band die Anregungen und Frage, die es aufwirft, sehr zu schätzen. Und nicht zuletzt rege es zu "neuer Frostlektüre" an, wie der Rezensent erfreut feststellt.
Kurz erwähnt Essig auch das Erscheinen folgender Bücher zum Thema: So die Erinnerungen von Shackleton und seinem Kapitän Worsley: "Der Untergang der Endurance" (Ullstein) und den Band von Arved Fuchs: "Im Schatten des Pols" (Delius-Klasing), in dem der Autor seine Wiederholung von Shackletons Fahrt wenn auch mit Unterstützung moderner Technik beschreibt.
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Knut Cordsen, Bayerischer Rundfunk
Der Verlag über das Buch
Wir sind, was wir lesen, lautet eine von Thomas Kasturas Thesen, der uns auf einem geistreichen und unterhaltsamen Spaziergang durch alle Bereiche der Kultur begleitet. Nach der Lektüre dieses erhellenden Essays wird kein Eiswürfel mehr einfach nur gefrorenes Wasser sein.
Über den Autor
Auszug aus Flucht ins Eis. Warum wir ans kalte Ende der Welt wollen von Thomas Kastura. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Da steht er nun, der Goretex-Tor, und ist so klug als wie zuvor. Man muß die Ehrlichkeit bewundern, mit der sich Fuchs in seinem Buch "Von Pol zu Pol" als deliriöser Zombie outet. Er setzt noch eins drauf: "Mir erscheint alles wie ein Traum. Gut, wir sind am Nordpol. Das habe ich verstanden. Aber ich verspüre einen inneren Drang weiterzulaufen."
Kaum anders ergeht es Fuchs am Südpol, den er sieben Monate später erreicht. "Es ist zu viel auf einmal und zu abstrakt für meinen Kopf," schreibt er, denn auf ihn warten schon zahlreiche Journalisten, Gratulanten der Amundsen-Scott-Station und die neuesten Nachrichten aus der Heimat. In Deutschland wird nämlich gerade Geschichte geschrieben, als Fuchs und Reinhold Messner Ende 1989 durchs Eis der Antarktis stapfen. "Ich bin am Pol. Europa steht Kopf", weiß der Langläufer über sein Verhältnis nur Welt zu sagen. Fuchs ist sich zwar im Klaren, "wie unsinnig und albern im Grunde ein solcher Rekord ist." Trotzdem freut er sich über seine Leistung.
Große Gedanken werden an den Erdachsen gemeinhin nicht gedacht. Es ist enttäuschend, was man von den eiswandernden, skilaufenden, hundeschlittenfahrenden, luftschiffreisenden, flugzeugfliegenden und neuerdings auch fallschirmspringenden Polarfahrern erfährt, wenn sie am Ziel ihrer Träume stehen. Børge Ousland heult sich 1994 "das Herz aus dem Bauch vor Freude und Erleichterung." Helmer Hanssen, ein Begleiter Amundsens, hat 1911 "kein Gefühl des Triumphes", sondern ist nur erleichtert, daß er beim Rückmarsch den Wind im Rücken hat. Für Robert F. Scott, der das Wettrennen zum Südpol verlor, ist es "ein schauriger Ort", für Reinhold Messner "ein absolut imaginärer Punkt". Christopher Holloway kommt 1989 zu der überraschenden Erkenntnis, daß dem Pol die dritte Dimension fehle. "Hier anzukommen ist enttäuschend. Ohne unsere Navigationsinstrumente hätten wir ihn mit Sicherheit verpaßt." Olav Bjaaland kann - kleiner poetischer Höhenflug - "die Erdachse quietschen hören".
Die Herren sind platt, nicht nur in ihren Tagebüchern, sondern auch noch zuhause am Schreibtisch. Mit ganz wenigen Ausnahmen fabrizieren sie nur banale Expeditionsprosa voller Schweiß, Frostbeulen und Schneeblindheit. Da braucht es schon Schriftsteller wie Christoph Ransmayr, um einem Eisabenteuer wie der österreich-ungarischen Nordpolexpedition von 1872 bis 1874 literarischen Schliff zu geben ("Die Schrecken des Eises und der Finsternis", 1984). Aber auch die Frauen wissen nichts Tiefgründiges zu vermelden. Helen Thayer, die zusammen mit ihrem Hund als erste den magnetischen Nordpol erreicht hat, spricht von einem "der schönsten Momente meines Lebens" und läßt dann doch ein bißchen Genugtuung heraus: "Der Sieg war süß".
Ernüchterung, Erschöpfung, eine allgemeine innere Leere und dann und wann ein mühsam unterdrückter Mini-Orgasmus. Ist das der Lohn für all die Masochisten, die in den letzten 100 Jahren irgendwann an einem der beiden Erdpunkte standen, wo sich alle Meridiane und damit alle Zeitmaße treffen? An Punkten, die sich zudem dauernd verändern: Das Eis über dem Nordpol, der ja mitten im Polarmeer liegt, driftet acht Meter in der Minute. Das Festlandeis über dem Südpol verschiebt sich um ein paar Zentimeter im Jahr.