"Der Fluch der Mary Tudor" ist der vierte und bislang letzte Historienkrimi um den zeitreisenden Jesuitenpater Nicholas Segalla aus der Ann-Dukthas-Reihe des englischen Historikers und Schriftstellers Peter Doherty. Hinter Doherty verbirgt sich eine viel schreibende Ich-AG. Er veröffentlicht historische Romane nicht nur unter seinem bürgerlichen Namen, sondern auch unter den Pseudonymen Paul Harding, Celia L. Grace, Michael Clynes - und eben Ann Dukthas.
England 1558. Heinrich VIII. hat aufgrund seines vergeblichen Versuchs, die Erlaubnis des Papstes für eine Scheidung von seiner katholischen Gemahlin Katharina von Aragon zu erhalten, die englische Kirche von Rom gelöst und stattdessen die anglikanische Staatskirche mit dem Monarchen als Oberhaupt gegründet. Nach einem protestantischen Zwischenspiel unter seinem Sohn und Nachfolger Edward VI., der bereits 1553 als 15-Jähriger stirbt, versucht Maria I. - sein einziges überlebendes Kind aus seiner Ehe mit Katharina von Aragon -, die dem katholischen Glauben treu geblieben war, zur alten Religion zurückzukehren. An den europäischen Höfen machen Informationen vom schlechten Gesundheitszustand der Tudor-Herrscherin die Runde. Papst Paul IV. befürchtet, Verschwörer könnten der Regentin ein schleichendes Gift verabreichen. Er schickt den jesuitischen Gelehrten Nicholas Segalla zusammen mit einem renommierten Arzt an den Hof nach Greenwich, um der Königin beizustehen. Dieser hofft, Licht in das Intrigendickicht durch die Dechiffrierung mysteriöser Drohbriefe zu bringen, die an alle beteiligten Interessensparteien gesendet werden und die Unterschrift "Die vier Evangelisten" tragen.
Segalla erkennt bald, dass "Die vier Evangelisten" als Handlanger unterschiedlichster Lager in Frage kommen, die alle von einem vorzeitigen Ableben Mary Tudors profitieren würden. Aussichtsreichste Kandidatin für den Thron wäre ihre protestantische Halbschwester Elizabeth als letztes überlebendes Kind Heinrich VIII. Katharina von Medici, die Gattin des französischen Königs, sähe dagegen am liebsten ihre Schwiegertochter Mary Stuart, gleichzeitig Großnichte Heinrich VIII., als Nachfolgerin, um England unter französischen Einfluss zu bringen. Selbst Philip II., mit Mary Tudor vermählt, aber fast ausschließlich in seinem spanischen Herrschaftsgebiet weilend, lässt aufgrund der Kinderlosigkeit seiner Ehe bei Elizabeth wegen einer neuen Vermählung vorfühlen.
Der Leser wird von Doherty/Dukhtas wieder einmal mit einer spannenden Geschichte mit umfangreichem historischen Personal unterhalten. Erstaunlicherweise wird hier Mary Tudor, die als Protestanten verbrennende Bloody Mary in die Geschichtsbücher eingegangen ist, sympathischer gezeichnet als ihre Halbschwester und Nachfolgerin, die allgemein als England bedeutendste Herrscherfigur gilt. Etwas vollmundig erscheint mir jedoch das Versprechen des Verlages, das Buch präsentiere gleichzeitig "die Lösung eines der großen Rätsel der Geschichte". Meines Wissens bestreitet kein Forscher, dass Mary Tudor an einer natürlichen Krankheit gestorben ist; dass ihr engster Berater, der Kardinal Reginald Pole, am gleichen Tag verstorben ist, scheint reiner Zufall zu sein. Von einem Rätsel kann daher kaum die Rede sein.
Eine abschließende Bemerkung sei mir noch zu den bisher erschienen Rezensionen gestattet: "Aragonien" ist tatsächlich korrekt übersetzt. Es darf synonym mit "Aragon" benutzt werden, vergleichbar "Babylon", "Babel" oder "Babylonien".