Manchmal fragt man sich wirklich, was in so einem Produzenten- oder Regisseurs-Gehirn vor sich geht. Da legen Bruckheimer, Verbinski & Co. mit "Fluch der Karibik" einen furiosen Unterhaltungsfilm hin - mit einer witzigen, temporeichen Handlung, tollen Schauspielern und dem schillerndsten Filmcharakter des Jahrzehnts (Jack Sparrow) - und demolieren anschließend ihren mühsam aufgebauten Ruf durch zwei völlig chaotische und letztlich missratene und überflüssige Fortsetzungen.
"Si tacuisses, philosophus manisses" ("Hättest du geschwiegen, wärst Du ein Philosoph geblieben.") - schon der Spätrömer Boethius wusste vor über 1500 Jahren, dass man, wenn man alles Mitteilenswerte gesagt hat, besser seinen Schnabel halten sollte. Nur zu gerne würde man manchen Hollywood-Verantwortlichen zum Nachsitzen in die Lateinschule schicken, auf dass sie über solcherlei Lebensweisheiten grübeln mögen.
Bei "Fluch der Karibik 3" kann man geradezu lehrbuchhaft sehen, weshalb Fortsetzungsteile so oft in die Hose gehen, obwohl der Stoff meiner Meinung nach noch genügend Raum für neue Geschichten geboten hätte. Das geht erst mal damit los, dass man mit den bewährten Hauptdarstellern langfristige Verträge abschließt und damit die Drehbuchautoren unter Zeitdruck setzt. Das ist ungefähr so: Johnny Depp, Keira Knightley, Orlando Bloom, Geoffrey Rush, Billy Nighy und Tom Hollander stehen am Freitag Abend vor meiner Wohnung und wollen eine Party feiern. Ich habe das völlig verschwitzt und gar nichts vorbereitet. Jetzt sitzen die sechs in meinem Wohnzimmer und knabbern Erdnüsse, während ich im Bademantel in der Küche panisch herumtelefoniere, um noch auf die Schnelle was organisiert zu bekommen. "Sechs Personen suchen einen Autor", hätte Luigi Pirandello dazu wahrscheinlich gesagt.
Da hat man nun also ein paar Figuren rumstehen, von denen man nicht so recht weiß, was man mit ihnen anfangen soll. Und genau das merkt man dem Film in jeder Minute an. Es gibt schon witzige Szenen und orginelle Einfälle, aber es ist alles mit der heißen Nadel gestrickt. Das Problem ist nicht die verwirrende Zahl an Handlungsfäden, sondern, dass es überhaupt keine langfristigen Handlungsfäden gibt. Ich würde mein gesamtes nicht vorhandenes Vermögen darauf verwetten, dass die Autoren bei Drehbeginn selbst noch keinen blassen Schimmer hatten, wie die Geschichte überhaupt ausgehen soll. Alles wirkt so, als wären immer nur gerade genügend Skriptseiten für die nächsten anderthalb Drehtage vorrätig gewesen, und irgendwann hatten die Autoren selbst keinen Plan mehr, welche Figur eigentlich gerade wen hinters Licht führt und warum. Auch die zahlreichen Handlungslöcher sind mir nur auf diese Art erklärlich. Nie und nimmer hätte ein derart unfertiges, chaotisches und unverständliches Skript jemals in Produktion gehen dürfen.
Am schlimmsten wirkt sich die Unfertigkeit darin aus, dass der Film trotz des Titels nicht das Geringste mit der "Karibik" zu tun hat. Der Anfang spielt in Singapur, der zweite Teil in der Unterwelt und der ganze Rest in einem nicht weiter spezifizierten nebulösen Nirgendwo. Die Fantasy-Kulisse ist eine Maske, mit der die inhaltliche Oberflächlichkeit kaschiert werden soll (was nicht gelingt). Eine der wichtigsten Drehbuchregeln ist die, dass man inhaltlich präzise vorgeht. Dafür hätte man sich zum Beispiel daran erinnern können, dass man um 1700 nicht mal eben so zum Spaß nach Singapur rüberschippern konnte - typischer erzähltechnischer Globalisierungsmüll unserer Zeit. Um dorthin zu gelangen, musste man um Kap Hoorn und anschließend wochenlang durch den Pazifik - was hätte man daraus allein schon für eine tolle Story machen können. Aber dann wäre es natürlich schwer zu vermitteln gewesen, dass ein korrupter britischer Offizier seine Truppen auf ein paar Schiffe verfrachtet und seinen Stützpunkt für mehrere Monate sich selbst überlässt, um auf der anderen Seite des Globus seinen Privatgeschäften nachzugehen ... naja, lassen wir das.
Jetzt mag man sagen, bei einem Unterhaltungsfilm käme es auf solche Spitzfindigkeiten nicht an. Im Gegenteil: genau das tut es. Genau weil der Film in diesen Details so unpräzise ist, wirkt er so künstlich, dass man das Interesse verliert. Im Prinzip besteht der Film zu 80% aus CGI-Effekten, zu 20% aus Studioproduktion und zu Null Prozent aus realistisch wirkenden Außenaufnahmen (anders als der erste Teil). Dabei geht die Entwicklung im Kino schon seit längerer Zeit in eine andere Richtung. "Der Herr der Ringe" wirkt nicht nur durch Tolkiens Fantasy, sondern auch durch die reale Schönheit der neuseeländischen Landschaft. Auch die "James Bond"-Macher haben sich vom Computer-Gehunze verabschiedet und ihre Figuren wieder "geerdet". Ist ungefähr so, wie eine elektronische Cyber-Frau anfangs aufregend sein mag, auf Dauer aber nur ein unbefriedigendes Gefühl der Leere zurücklässt, so dass man den Reiz einer realen Frau doch wieder zu schätzen weiß. Deshalb steht zu hoffen, dass sich die Macher von "Fluch der Karibik" für einen zu erwartenden vierten Teil wieder auf ihre Wurzeln im ersten Film besinnen.