Die Alben, die Paul McCartney zwischen 1980 und 1986 veröffentlichte ("McCartney II", "Pipes of Peace", "Give my Regards to Broad Street" und "Press to play"), waren - mit Ausnahme von "Tug of War" - allesamt recht uninspiriert und kühl ausgefallen. Dass er 1989 mit "Flowers in the Dirt" langsam wieder zu alter Form zurück fand, hatte drei Gründe:
Zum einen begann sich Paul zum ersten Mal seit der Trennung der Wings zehn Jahre zuvor auf eine ausgedehnte Tour vorzubereiten und zu diesem Zwecke in Bandkategorien zu denken: der Stamm der Musiker, die auf diesem Album mitwirkten, begleitete ihn auf den folgenden beiden Tourneen und auf dem '93er Folgealbum "Off the Ground". Schlagzeuger Chris Whitten hatte schon im Vorjahr auf "Choba B CCCP" mitgespielt, Gitarrist/Bassist Hamish Stewart hatte sich als Komponist und Musiker der Average White Band einen Namen gemacht, und Gitarrist Robbie McIntosh stieß über die Empfehlung von Lindas Freundin Chrissie Hynde von den Pretenders dazu. Als es an die Tourvorbereitungen ging, engagierte Paul noch den Keyboarder Paul "Wix" Wickens, an dem er bis heute schätzt, dass dieser nicht nur klassisches und Boogie-Woogie-Piano spielen, sondern auch Orchester-Samples (Live and let die), Streicherarrangements (Yesterday, Eleanor Rigby) und Bläsersätze (Got to get you into my Life) am Keyboard beisteuern kann.
Natürlich arbeiteten auch auf diesem Album wieder namhafte Musiker wie Trevor Horn mit; auf dem noch aus '83er Sessions stammenden We got married ist David Gilmours Gitarrenarbeit zu hören (der Song entfaltete sich erst live so richtig); und dass Nicky Hopkins bei That Day is done Piano spielt, macht ihn meines Wissens zum einzigen Musiker, der (neben seiner Beteiligung an Revolution) auf Soloalben von allen vier Ex-Beatles zu hören ist.
Einen entscheidenden musikalischen Beitrag lieferte aber Elvis Costello, mit dem McCartney bereits '87 komponiert hatte: Back on my Feet erschien auf der B-Seite von Once upon a Long Ago, und zwei weitere Songs (Veronica und Pads, Paws and Claws) veröffentlichte Costello auf seinem Album "Spikes". Costello (dessen erste LP wiederum "With the Beatles" gewesen sein soll) ist auf "Flowers in the Dirt" bei vier Songs als Co-Komponist und/oder als Sänger und Keyboarder vertreten; außerdem überredete er Paul, zum ersten Mal seit Jahren wieder seinen alten Höfner-Bass aus Beatles-Tagen zu verwenden. Mit My brave Face gelang den beiden denn auch eine von Pauls frischesten Pop-Singles seit langem, und You want her too weist einige überraschende Arrangement-Ideen auf. Wenn Costello am Anfang des Songs auf McCartneys Zeile "I've loved her oh so long" bissig entgegnet: "So why don't you come right out and say it, stupid?", dann fühlt man sich an die Arbeitsweise von Lennon/McCartney erinnert, als John auf Pauls Zeile "I've got to admit it's getting better, a little better all the time" sarkastisch einwirft: "it can't get no worse!", und auch Pauls Aussagen aus dieser Zeit lassen den Eindruck zu, dass er in Costello den ersten vollwertigen Kompositionspartner seit Lennon sah (was sich von Denny Laine nicht sagen lässt).
Drittens war das Niveau der Kompositionen wieder so hoch wie seit "Tug of War" nicht mehr: neben My brave Face erinnert auch This one wieder angenehm an Beatles-Harmonien, Put it there ist unverkennbar aus der gleichen Ecke wie Blackbird, und die Single Figure of Eight ist interessant, auch wenn man ihr auch noch nicht anhört, wie gut sie live als Eröffnungsnummer funktionieren würde. Zwar griff McCartney mit Sequencern und Drum Programming immer noch auf Achtziger-Studio-Gimmicks zurück (Rough Ride, Motor of Love, Ou est le Soleil), doch fügten sich diese allmählich wieder in einen homogeneren Soundrahmen ein.
Leider gibt es auch hier wieder die Aussetzer an Seichtheit, ohne die wohl kein McCartney-Album auskommt: Distractions bleibt für mich eher Fahrstuhlmusik, und Motor of Love ertrinkt teilweise in Weihnachtsmusik-ähnlichen Wohlklängen. Richtig schlimm finde ich in dem seichten Reggae How many People triviale Zeilen wie "How many people have died?/One too many right now for me/I want to be happy, I want to be free", bei denen ich mich frage: Paul, wer, wenn nicht du, sollte wohl bei deinem Talent, Ruhm und Reichtum, glücklich und frei sein?
Erstaunlich hoch entwickelt war rückblickend McCartneys Umweltbewusstsein in Bezug auf das Ozonloch, den Treibhauseffekt und die Rodung des Regenwaldes, was im Begleitheft und in seiner Werbung für die internationale Umweltorganisation "Friends of the Earth" zum Ausdruck kam (ihn jedoch nicht davon abhielt, zu etlichen seiner Europakonzerte mit einer ziemlichen Dreckschleuder von Privatjet und anschließend wieder nach Hause zu fliegen).
Den Albumtitel "Flowers in the Dirt" (nach einer Zeile aus That Day is done) setzte Linda auf dem Cover farbenfroh um, und die warmen Coverfarben spiegelten die Stimmung des Albums wieder, das mein Lieblings-McCartney-Album aus den Achtzigern bleibt; richtig toppen konnte er die hier gezeigten Ansätze dann mit dem Livealbum "Tripping the Live Fantastic".
Das '93er Remaster dieser CD, wenn auch klanglich keine Weiterentwicklung, enthielt als Bonus die B-Seiten Back on my Feet, Flying to my Home und Loveliest Thing (ein '86er Outtake) sowie die eher experimentelle Single Ou est le Soleil, die bereits auf der Original-CD ein Bonustrack gegenüber der LP war.
Bleibt abschließend anzumerken, dass ich es - anders als bei "Off the Ground" und "Driving Rain" - bedauerlich finde, dass es keine Songs von diesem Album in McCartneys spätere Konzertprogramme geschafft haben.