"Flow", das vorläufig letzte Studioalbum der norwegischen Prog-Metal-Band Conception um Sänger Khan (später bei Kamelot) und Gitarrist Tore Ostby, fällt im Vergleich mit seinen drei Vorgängern ganz schön aus der Reihe. Insbesondere die Produktion hat eine regelrechte Metamorphose durchlaufen. Der Gitarren- und Drumsound ist glatt und ohne Ecken und Kanten produziert, perfekt bis ins letzte Detail und damit eigentlich untypisch für eine Metalband. Dazu kommen teils mechanisch wirkende Drives, z.B. gleich beim Opener GETHSEMANE. Diese Kombination mutet teilweise steril und unterkühlt an - aber das ist Absicht. Denn zum einen unterstreicht diese Stimmung das Konzept des Albums, das sich schon durch das Cover andeutet, nämlich die Entfremdung von der realen Welt in einem futuristischen Cyberspace. Zum anderen muss man nach der anfänglichen Überraschung wegen des Sounds, der nicht klassischen Metal-Maßstäben entspricht, spätestens nach einigen Jahren Abstand bemerken, dass "Flow" frühzeitig für den Progressive Metal richtungsweisend war. Die Perfektion des Sounds und das Gesamtgerüst zahlreicher umrahmender Effekte und damit auch die Bedeutung des Synthesizer-Einsatzes nicht nur als Solostimme oder Soundteppich wurde ein Trend späterer progressiver Metal-Musik, wie sie auch Khan selbst mit Kamelot teilweise gemacht hat. Auch manches Stück z.B. auf "The Black Halo" (2005) hat ganz ähnliche Atmosphären ("March of Mephisto"!). Und so schafft es auch "Flow" 1997 schon, sich vom klischeehaften Metalsound zu trennen - auch wenn die beiden Alben "Parallel Minds" und "In Your Multitude" vom Songwerk her vielleicht ein Stück stärker waren. Man vergleiche "Flow" aber mal mit anderen Werken progressiver Metalbands aus dem gleichen Jahr: 1997 erlebten Queensryche mit "Hear In The Now Frontier" einen qualitativen Quantensprung nach unten; und Dream Theater legten mit "Falling Into Infinity" eher ein Rock- als ein Metalalbum hin, wenn auch ein verdammt gutes. Da erwiesen sich Conception mit "Flow" kreativer für das anspruchsvolle Prädikat "Prog", wenn auch für manchen Fan etwas gewagt. Vergleiche könnte man eher mit Fates Warning ziehen, die 1997 mit "A Pleasant Shade of Gray" ein Düster-Epos mit ebenfalls vielen Soundexperimenten abgeliefert haben. In eine ähnliche Richtung - wenn auch nur minimal - geht in Sachen Stimmung "Flow": Breaks mit geheimnisvollen Sounds sorgen für fesselnde Spannung, und zahlreiche Songs wirken durch bemerkenswert hervorstechende Grooves samt Bass-Solopassagen, dunkle Drums, futuristisch verzerrte Vocals und Synthesizer-Effekte düster und melancholisch angehaucht. Khans einzigartige Stimme voller Wehmut sorgt vor dem Hintergrund der mechanischen Drives dennoch für viel Emotion - eine reizvolle Mischung. Metalfans sollten sich nicht aus Angst vor einer allzu stilfremden Platte abschrecken lassen - es kommen überall auch heavy Gitarren vor, meistens aber eher punktuell. Ausnahmen sind WOULD IT BE THE SAME mit "klassischem", von Breaks durchsetztem Metal-Riffing und das großartige TELL ME WHEN I'M GONE, das mit einer düster harten Hookline, die glatt von Tony Iommi stammen könnte, genau so wie auch A VIRTUAL LOVE STORY, ANGEL (COME WALK WITH ME) oder REACH OUT als feinste Düsterrrocker teilweise aus der Black-Sabbath-Zeit mit Tony Martin stammen könnten. Insgesamt sind die Songs sehr geradlinig komponiert und nur mit kürzesten Solopassagen versehen. Die knapp 44 Minuten gehen auch dank emotionaler, sehr umfangreicher Melodien direkt ins Ohr und setzten sich dort schnell fest. Überraschende B-Parts und zahlreiche Wechsel und Entwicklungen innerhalb der Songs, z.B. bei der feinfühlig aufgebauten Powerballade CRY mit zahlreichen reizvollen Wendungen, bedienen Prog-Freunde trotz der überraschend hohen Ohrwurmqualitäten der Songs immer noch bestens; wer Queensryche und Fates Warning mag, sollte zugreifen. Fazit: Ein sehr experimentelles Prog-Metal-Album, das 1997 futuristisch wirkte und ein Jahrzehnt später noch moderner als die meisten Konkurrenten einer späteren Prog-Metal-Generation. Demnach hatte die Band eine wahrlich zukunftsweisende Kreativität an den Tag gelegt.