Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Flimmerherz und Rosenrot. 14 Geschichten zum Valentinstag von Leena Flegler, Susanne Stark. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich hasse Rosa. So eine blöde Schweinchenfarbe.
Und Herzen finde ich doof.
Und diesen ganzen albernen Aufstand wegen einem total überflüssigen Tag. Wegen mir brauchte es diesen Valentinstag schon mal gar nicht zu geben. Der geht mir völlig am Arsch vorbei. Sollen sich doch die Tussis in meiner Klasse gegenseitig diese albernen Karten zeigen und stolz die Geschenke vorführen, die sie gekriegt haben - ich brauch keine Armbändchen oder zweigeteilten Münzanhänger (eine Hälfte für SIE und eine Hälfte für IHN, damit alle wissen, wie unvollständig jeder für sich ist).
Ich bin meine eigene Frau. Keine Hälfte von irgendwas.
Dieses ganze Gesülze und Geschmuse ist doch so was von peinlich. Dieses Angrabbeln und Abschlecken - igitt, nein danke!
Irina und Chrissie tuscheln schon den ganzen Vormittag über ihre Valentinskarten miteinander, und weil sie genau vor mir sitzen, krieg ich von dem, was der Kammler sagt, kaum was mit. Dabei ist Geschichte mein Lieblingsfach.
Stattdessen giggeln die beiden über die süüüüße Karte von Holger an Chrissie und über den noch viel süüüüßeren Brief von Frank an Irina.
Wer will das denn hören?
Ich garantiert nicht.
Wie kann man sich bloß über pickelige Knaben derart ins Hemd machen? Mein Fall wären sie beide nicht - garantiert nicht!
Holger ist so ein Bodybuildertyp mit Muckis bis zum Handgelenk, der immer bloß von seinem Moped faselt und zu sabbern anfängt, wenn jemand »Schumacher« sagt, und Frank ist ein glatt gegelter, parfümumwaberter Schmalzheini, der immer nur in Designerklamotten rumläuft und für eine wie mich, die sich bei H&M einkleiden muss, nur ein verächtliches Naserümpfen übrig hat.
Na, dann rümpf doch, du hirnamputierter Schwachkopf! Für dich hätte ich nicht mal einen zweiten Blick übrig, wenn dein Hintern in einer echten Armani-Jeans steckte! Und diesen Mopedfritzen würde ich ruck, zuck in die Tonne treten, so langweilig, wie der ist, erst recht wenn er nicht auf seinem Bock sitzt.
Nicht etwa dass einer der beiden für mich bisher auch nur einen Funken von Interesse gezeigt hätte - und ich weiß auch genau, warum: Ich gelte nun mal als Streberin, als eine, die zu viel lernt - und auch noch freiwillig! -, eine, die sich ihre eigene Meinung leistet. Mit so was Anstrengendem können sich die Klassenmachos natürlich nicht schmücken, zumal ich auch nicht über die entsprechende Garderobe oder Schminktöpfe verfüge.
Bin ich eben die graue Maus - mir doch egal. Ich weiß schon, wie ich meine Zeit rumbringe ohne solche Testosterondeppen und Barbiepuppen.
Und Jannis soll gefälligst aufhören, mich so anzustarren. Dreh die Rübe weg, du Hirni! Bloß weil wir uns mal im Kino begegnet sind, brauchst du dich noch lange nicht über mich lustig zu machen!
Okay, okay, wir haben anschließend sogar drei Sätze gewechselt, aber am nächsten Tag in der Schule hast du dich wieder genauso doof benommen wie sonst. Du kriegst im Unterricht kaum das Maul auf - ganz schön unfair, dass du trotzdem immer die guten Noten abstaubst, schließlich wird die mündliche Leistung mit dazugerechnet. Aber anscheinend haben die Lehrer beschlossen, bei dir eine Ausnahme zu machen, du brauchst bloß gute Noten zu schreiben und nie was zu sagen!
Alles bloß Political Correctness, ganz klar. Weil du erst vor zwei Jahren mit deiner griechischen Sippe hier eingefallen bist. Da braucht der hohe Herr natürlich keine mündlichen Leistungen zu bringen.
So gut möchte ich's auch mal haben!
Wenigstens rieseln mir nicht dauernd Schuppen auf die Schultern. Schwarze Locken und schneeweiße Schuppen- keine besonders elegante Kombination. Obwohl Locken ja immer gut ankommen.
Glotz nicht so, Olivenfresser, sonst zeig ich dir den Stinkefinger! Oder gleich beide! Ich kann das nicht ab, wenn man mich so anglotzt!
Ihr Kerle wünscht euch doch alle immer bloß so eine Smileypuppe mit Bauchnabelpiercing, möglichst auf Stöckelschuhen und mit Push-up-BH!
Wenn ich so was schon höre: Push-up! Kann denn mein Busen nicht gefälligst da bleiben, wo er von Natur aus ist? Aber nein, man muss die Kurven ja noch kurviger machen und alles hochschieben bis zum Überquellen - voll eklig! Und dann gehen diese dummen Hühner auch noch hin und lassen sich Silikonkissen reinoperieren. Unfassbar!
Also, mit mir läuft so ein Mist nicht, auch wenn ich nicht gerade besonders gut bestückt bin. Aber will ich vielleicht bloß wegen dicken Titten geliebt werden? Bestimmt nicht.
Ist eh egal, mich liebt sowieso keiner, und das ist mir auch ganz recht so. Ich brauch dieses Gefummel und Getatsche nicht. Widerlich!
Warum lacht der Kammler jetzt? Verdammt, ich hab nicht mitgekriegt, was er gesagt hat! Nimm deine Birne aus meiner Sichtschneise, Jannis! Weg da!
Warum grinst dieser Typ jetzt zu mir rüber? War der Witz vom Kammler echt so gut?
So, jetzt rück ich weiter nach rechts, dann hab ich wieder ungebremsten Blick nach vorn.
Ahhh, jetzt hab ich's geschnallt: Wir haben letztes Mal über die 1848er-Revolution gesprochen und heute geht es um die einzelnen Anführer.
Hör ich recht? Franziska Mathilde?
Jetzt drehen sich natürlich alle zu mir um. Weil ich den aufregendsten Namen der Welt habe, ha ha.
Dreht euch weg, ihr Idioten! Ich will wegen euch Piesepampeln keine rote Birne kriegen!
Du auch, Jannis! Ich brauch deine mitleidigen Blicke nicht - ätzend, so was! Meine Mutter hat sich damals schon was bei dem Namen gedacht, und was, das geht euch gar nichts an - DREHT EUCH WEG!
Danke, Herr Kammler! Das haben Sie ja fein hingekriegt! Nie wieder mach ich bei Ihrem Unterricht mit - NIE WIEDER! Dann können Sie ja mal sehen, wie das ist. Wie grottenlangweilig es wird, wenn ich nicht mehr mitziehe! Dieser Jannis, der weiß vielleicht was, aber er sagt ja nichts, und die anderen sind viel zu sehr mit rosa Herzchen und Blümelein und Mopeds und Klamotten beschäftigt, die pellen sich ein Ei auf Ihre Fragen!
Und mich können Sie ab sofort vergessen! Auf mich müssen Sie in Zukunft verzichten! Ich will nicht lächerlich gemacht werden, ich hab's in diesem Haufen von einstelligen IQlern schon schwer genug.
Na endlich.
Jetzt kümmern sich alle wieder um ihre Handys und Lippenstiftmarken und was diese Pfeifen in der 10 c eben sonst noch für oberwichtig halten. Geschichte gehört jedenfalls nicht dazu.
Sabbel bloß weiter da vorn!
Wie bitte?
Anscheinend findet er diese Franziska Mathilde gut!
Was? Ach, nee. Ich werd nicht mehr.
Die hat Männerkleidung angezogen und ist als Ordonanzoffizier ihrem Gatten in die Schlacht gefolgt? Wahnsinn! Und als alles vorbei war, ist sie mit ihm auch noch ins Exil nach Amerika gegangen?
Na, super.
Mal eine Franziska, für die man sich als Namensvetterin nicht schämen muss. So könnte ich mir das später auch mal vorstellen. Einen Mann finden, mit dem man ein Ziel verfolgt. Vielleicht zusammen arbeitet. Muss ja nicht unbedingt derselbe Beruf sein, aber irgendwas Verbindendes wär doch schön. Nicht bloß Kinder. Kinder sind schon okay, aber erst mal muss man wissen, was man von diesem Leben will. Definitiv nicht bloß brüten.
Verdammt noch mal, warum zappelt dieser Jannis bloß so rum? Das lenkt total ab! Ich will jetzt alles von dieser Franziska Mathilde wissen und der hampelt hier rum wie doof.
Ich sag nur ein Wort. Jungs!
Zu dumm zum.
Klingt ganz spannend, was der Kammler da erzählt. Offensichtlich gab es vor 150 Jahren auch schon ein paar eigensinnige Weiber, die nicht mit der großen Mehrheit mitliefen. Muss ich mir mal was aus der Bibliothek besorgen. Ist eh noch ein Referat fällig -
Ich fass es nicht! Kriegt der Kerl denn nicht mit, dass ich zuhören will? Warum dreht der sich ständig zu mir um?
Guck nach vorn, Junge, und nerv nicht!
Nein, ich will jetzt nicht mit dir reden! Du redest doch sonst kaum was, warum jetzt auf einmal? Lass mich in Ruhe!
Nein, ich will auch nicht dein Geschichtsbuch -
Hä, was? Ach so, der will meine Mappe.
Mannohmann, lass mich endlich in Ruhe! Hier hast du sie. Und jetzt will ich zuhören!
Hmmm. Franziska Mathilde Anneke. Die ist ganz schön rumgekommen in der Welt ... Ich wüsste gern, wie es ihr in den USA gefallen hat. Vielleicht hilft mir das bei der Entscheidung, ob ich bei dem Austausch mitmachen soll ...
Ganz schön alt geworden ist sie!
Ein aufregendes langes Leben ...
Hmmm ... Das wollen wir doch alle ...
Nee, ich will nicht ... Was? Ach so, die Mappe. Das ging ja schnell.
Okay, brauchst dich nicht zu bedanken.
Warum schaut der mich immer noch so blöd an? Dreh dich um, Nervensäge!
Was?
Ich soll was?
Nachschauen?
Wieso denn?
Ich weiß doch, was in meiner Mappe steht!
Hä?
Na gut, damit die liebe Seele endlich Ruhe hat.
Was ist das denn?
Ein Brief? UND ROSA?
Der hat sie doch nicht alle!
Vorsichtig, vorsichtig, Scheiße, das Ding pappt ja wie mit Sekundenkleber zugeschweißt.
Endlich.
Eine Karte?
Ich werd weich!
Eine Einladung ins Kino?
Wahnsinn. Hätt ich glatt Lust zu.
Oha, er schaut immer noch her!
Na gut. Hier kommt die Antwort: Grinsen und nicken. Hoffentlich gibt's was Gutes, irgendwas Spannendes - bloß keine romantische Komödie oder sonst so'n Scheiß. Lieber 'nen Krimi. Kinokarten - total verrückt. Und in so einem edlen Briefkuvert. Ist eigentlich ein ganz nettes Rosa. Eher so in Richtung
Pfirsich. Zum Glück keine Herzen. Das hätte ich nicht ausgehalten.
Manfred Theisen
Schnee auf Wolke sieben
»Du glaubst mir nicht.«
»Doch, warum sollte ich dir nicht glauben?«
»Weil du die Einladung immer noch nicht bekommen hast.«
»Ja, es ist schon komisch, Bennie. Du sagst, du hättest sie vor zwei Wochen geschickt, aber sie ist nie hier in Narva angekommen. Das ist schon merkwürdig.«
»Wenn eure estnische Post sie nicht zu dir nach Hause bringt ...«
»Ach, vielleicht liegt das Problem aber auch bei deiner deutschen Post?«
»Okay, Jelena. Wart einfach ab. Der Brief muss kommen - morgen, ganz sicher, dann liegt er bei dir im Briefkasten.«
»Natürlich.«
»Sag das nicht so ironisch! Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja mit meiner Mutter sprechen. Sie hat die Einladung zusammen mit meinem Vater geschrieben. Die beiden haben dich über die Osterferien zu uns nach Köln eingeladen. Glaub mir!«
»Ich glaube dir doch, Bennie. Ich will dich doch nur wieder sehen, und zwar schnell. Deshalb bin ich nervös.«
»Ich liebe dich, Jelena.«
»Ich dich auch.«
Bennie legt den Hörer auf und will gleich wieder ihre Nummer wählen. Doch es ist zu teuer.
Vergangenen Herbst hat er Jelena in Köln kennen gelernt. Sie war Austauschschülerin und wohnte bei Lars und seinen Eltern. Als Bennie Lars zum Training für den Inliner-Marathon abholte, sah er sie zum ersten Mal - danach trafen sie sich täglich, bis die Kastanien im Park keine Blätter mehr hatten. Er brachte ihr Inliner fahren bei, und sie zeigte ihm im Atlas, wo sie lebt: in Estland.
Das winzige Land mit anderthalb Millionen Einwohnern liegt im Norden und gehört zu den drei baltischen Republiken. Jelenas Heimatstadt Narva liegt gleich an der Grenze zu Russland, ein paar Kilometer von der Nordsee entfernt, die sich dort oben Finnischer Meerbusen nennt. »Wenn es im Winter richtig kalt bei uns ist, 25 oder 30 Grad minus, ist das Meer gefroren. Dann träumen wir manchmal davon, übers Eis bis nach Finnland zu laufen.« Bennie schaut in den Spiegel im Flur und hört Jelenas Stimme, hell und klar, als wäre sie jetzt hier bei ihm.
»Liebeskummer?«
Das ist nicht Jelenas Stimme, das ist Jasper, sein Bruder.
»Halt bloß die Klappe, Idiot.«
»Träumt unser Bennie von seiner Braut?« Jasper lacht. Er ist zwei Jahre älter als Bennie, hat gerade den Führerschein gemacht, lernt Industriekaufmann und kommt sich extrem cool vor. Bennie und Jasper ähneln sich wie Zwillinge. Nase stupsig, Haare strohblond - blonder geht's nicht, sonst wär's weiß geworden -, Schuhgröße 46, beide, grüne Augen, nur dass Bennie ein Muttermal auf der Stirn hat und andere Gedanken im Kopf.
»Bist du etwa immer noch in diese Estin verliebt?«
»Sie ist keine Estin. Sie lebt nur in Estland.«
»Russin ist sie aber auch nicht, oder?«
»Ihre Eltern sind Russen und die Esten geben ihr deshalb keinen estnischen Pass. Sie ist staatenlos. Wie oft soll ich dir das noch erklären?«
»Immerhin sieht sie gut aus. Ich steh auf blond.«
Plötzlich tritt Mutter überraschend aus dem Wohnzimmer. Die beiden haben geglaubt, sie sei noch im Büro.
»Lass Bennie in Ruhe, Jasper«, sagt sie ruhig und steckt sich ihre rot gefärbten Haare hoch. »Es ist schon hart genug für ihn.«
»Mensch, ist das romantisch«, spottet Jasper. »Ich muss jetzt sowieso weg, Mama.« Er drückt ihr einen Kuss auf die Wange, geht an Bennie vorbei zur Wohnungstür und verpasst ihm heimlich eine Kopfnuss.
»Aua!«
»Und du, Bennie«, sagt sie. »Papa hat dir doch gesagt, du sollst nicht ständig in Estland anrufen. Weißt du eigentlich, wie teuer das ist?«
»Aber ich wähle doch immer diese Billignummer vor!«
»Warum ruft Jelena dich eigentlich nie an?«, fragt Jasper dazwischen und hält die Türklinke schon in der Hand.
»Weil es in Estland keine Billignummern gibt. Kapiert?«
»Und deshalb müssen wir die Telefonrechnungen blechen.«
»Jetzt ist gut, Jasper«, unterbricht ihn Mutter. »Die Rechnung zahlen immer noch wir und nicht du. Lass deinen Bruder in Ruhe! Geh lieber zum Basketball und lass da ein bisschen von deiner überschüssigen Energie ab.«
»Kann ich deinen Wagen nehmen, Mama?«
»Nein. Die drei Meter kannst du genauso gut zu Fuß gehen.«
Und weg ist Jasper.
»Okay, Mama«, sagt Bennie. »Unsere Einladung ist jedenfalls immer noch nicht in Narva angekommen. Und ohne Einladung bekommt Jelena keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland.«
»Wart's ab. Der Brief kommt schon noch an.«
»Jelena geht jeden Tag zum Postamt und fragt nach«, erzählt Bennie.
Seine Mutter zuckt mit den Schultern: »Ich kann es auch nicht ändern.«
Estland, 2384 Kilometer Richtung Norden.
Die blonden, lockigen Haare zu einem Dutt nach hinten gesteckt, sitzt Jelena mit Natalja am Schreibtisch und büffelt Physik. Draußen schneit es Flocken, so riesig wie Wattebäusche - seit vier Tagen. Der Schnee liegt so hoch, dass die Hunde darin versinken, und es ist so kalt, dass die Katzen in die Keller der Wohnblocks fliehen. In den Hausfluren riecht es deshalb nach Urin. Aber wer will schon die Katzen im Schnee erfrieren lassen?
»Bist du immer noch in diesen Deutschen verliebt?«
»Ja.« Jelena zupft sich am linken Ohrläppchen. Sie trägt den silbernen Ohrring, den Bennie ihr geschenkt hat. Er sieht aus wie ein Pferd mit dem Gesicht einer Frau.
»Ich würde ihm nicht glauben«, sagt Natalja. »Dieser Deutsche wollte dich bestimmt nur abschleppen und nichts weiter. Der hat bestimmt schon 'ne neue Freundin.«
»Was heißt hier abschleppen? Wir haben geknutscht. Mehr nicht.«
»Scheint ja ausgereicht zu haben. Der muss verdammt gut küssen können. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass die Deutschen in Europa am wenigsten küssen.«
»Eine super Freundin bist du! Du machst mir ja richtig Hoffnung.«
»Ich sag dir nur die Wahrheit, weil ich dir helfen will.«
»Schöne Hilfe.«
»Seit Wochen kann man überhaupt nichts mehr mit dir anfangen. Du musst wieder normal werden. Vergiss Deutschland, vergiss die Einladung, vergiss diesen Bennie!«
»Ich liebe ihn.«
»Na schön. Uns gehst du jedenfalls langsam auf den Wecker. Du quatschst nur noch von ihm. Die Welt scheint sich nicht mehr um die Sonne, sondern um den Planeten Bennie zu drehen. Du musst endlich wieder normal leben.«
Jelena starrt auf ihr Physikbuch, sieht durch die Blätter, durch die Buchstaben hindurch, sieht Bennies Gesicht, seine großen grünen Augen, dichte Brauen, und sie erinnert sich, wie sie auf dem Kölner Dom standen. Windig war es und ihr war trotzdem warm. Er küsste sie, nicht zu kurz, nicht zu lang, und sie wollte mehr und kann seitdem nicht genug von Bennie kriegen. Sie wirbelt durchs Leben wie der Schnee vor dem Fenster. Seine vollen Lippen ...
Total verknallt bin ich, denkt sie selbst. Warum auch nicht? Bennie quatscht nicht blöd rum wie die Jungs hier, säuft keinen Wodka, träumt keine Wodkaträume, ist kein Angeber, will später nicht nur Audi oder Mercedes fahren, sondern studieren, was Vernünftiges machen und mit ihr quer durch Asien reisen, die letzten Urwälder der Erde sehen. Seine Welt besteht nicht aus PS und Euro, sondern aus Ideen. Bennie ist satte drei Jahre älter als sie und trotzdem ...
»Jetzt reicht's!« Natalja fährt durch Jelenas Gedanken. »Ich habe keine Lust, die ganze Zeit neben dir zu sitzen, ohne dass auch nur einer deiner Gedanken bei mir ist. Hier ist dein Leben und nicht in Deutschland!«
»Vielleicht hast du Recht, Natalja. Ich werde versuchen, wieder normal zu sein. Wenn Bennies Einladung kommt, ist alles okay - falls nicht, bin ich auch nicht enttäuscht. Morgen ist Valentinstag. Wenn ich die Einladung morgen nicht kriege, ist sowieso alles aus. Dann hat er mich belogen.«
»Genau ... und schreib ihm jetzt eine SMS, schreib ihm, dass du nur noch bis morgen wartest und ansonsten nicht mehr mit ihm reden willst.«
»Das ist doof.«
»Das ist hart, aber nicht doof. Wenn er dich liebt, versteht er das. Du machst dich sonst abhängig von ihm.«
Bennie starrt auf Jelenas SMS. Er kann es nicht glauben. Warum schreibt sie so was? Was soll das? Hat sie einen anderen? Ich muss ihr sofort antworten, denkt er. Doch das geht nicht. Mit seinem Handy kann er nur noch Nachrichten empfangen, nicht mehr senden. Die Telefongesellschaft hat ihm vor zwei Wochen alle aktiven Funktionen gesperrt, weil er die Rechnung nicht zahlen konnte. Im vergangenen Monat hatte Bennie 228 SMS nach Estland geschickt. Jetzt hat er Schulden.
»Verdammt! Diese Scheißpost! Warum bringen sie nicht die Einladung nach Narva?« Tränen hat er in den Augen und nur noch einen Gedanken im Kopf: Ich muss zu ihr - egal wie.
Bennie läuft in Jaspers Zimmer, öffnet die Schreibtischschublade, nimmt Jaspers Führerschein heraus, öffnet die Schublade erneut und zieht noch Kreditkarte und Reisepass seines Bruders hervor. Jasper würde sicher dasselbe tun, wenn er in meiner Lage wäre, denkt sich Bennie und schaut auf das Foto in Jaspers Pass. Er gleicht ihm wie ein Ei dem anderen - bis auf das Muttermal.