"Fliehender Stern" ist ein bewegender Roman, der das Leben des jüdischen Mädchens Esther, die in einem kleinen Dorf in Frankreich aufwächst, verfolgt.
Jean-Marie Gustave LeClézio erzählt Esthers Leben, beginnend im Jahre 1943, bis in die Gegenwart. Esthers Jugend, ihre ersten Enttäuschungen, ihre erste Verliebtheit, ihr erster Kuss, erste Verluste, die zunehmende Erkenntnis, als Jüdin in dieser Welt "anders" zu sein- prägende Ereignisse.
Wunderbar, wie er das Leben im französischen Dorf St. Martin am Vorabend der deutschen Invasion zeichnet, eine trügerische Idylle, seine feine Poesie der Sprache erlaubt hier unglaubliche Nuancen. Nebenhandlung ist nie Nebenhandlung, sie ist entscheidend für das Verständnis der Entwicklung Esthers.
Dann Flucht; Fliehen wird zum Mittelpunkt ihres Lebens, das Ziel: Israel. Jerusalem.
Der Ort, den ihr Vater nie gesehen, aber leuchtend geschildert hat.
Hier lässt Jean-Marie Gustave LeClézio auch das palästinensische Mädchen Nemja zu Wort kommen (beeindruckend, wie er hier seine Sprache variiert, er schafft zwei Welten, die er immer näher aneinander heranführt). Es gibt nur einen Moment der Berührung, diese Begegnung ist jedoch prägend für beide.
Die Zeit der Kriege ist nicht vorbei, die Flucht geht weiter, Ruhe findet Esther, oder auch Estrella, erst nach ihrer (durch den Tod ihrer Mutter bedingten) Rückkehr nach Frankreich.
Jean-Marie Gustave LeClézio hat mit "Fliehender Stern" einen Roman geschrieben, der, ohne je zu drastischen Mitteln greifen zu müssen, mit archaischer Kraft und unglaublicher, berauschender Schönheit der Sprache mitreisst, der bewegt, der sprachlos zurücklässt.
Ein Roman, der, Esthers bewegende Lebensgeschichte erzählend, zu den eindringlichsten literarischen Statements gegen den Krieg per se zählt, die ich je gelesen habe.
Wunderbar. Das ist wirklich große Literatur...