Selbst wer nur zufällig auf dieses Buch stößt und vielleicht nur einzelne Kapitel lesen möchte, wird es nur schwer wieder aus der Hand legen können. Die Autorin berichtet von der Flucht, die sie Anfang der achtziger Jahre nach Schließung der iranischen Universitäten und der begleitenden brutalen staatlichen Verfolgung unter abenteuerlichen Umständen von Teheran in die kurdische Region im Westen des Landes führt.
Später wird sie unter größter Gefahr die Grenze zum Irak überqueren und einige Jahre in der kurdischen Region im Osten des Irak leben. Einfügt in diesen Bericht sind Erinnerungen an die glücklichen Jugendjahre mit Eltern und Geschwistern in der einst deutlich westlich ausgerichteten Großstadt Teheran. Das Regime des Kaisers (Schah) wird in einem Volksaufstand gestürzt, aber von einer weit brutaleren Diktatur der religiösen Fanatiker um Ayatollah Chomeini abgelöst. Die linksoppositionelle Gruppe, mit der Frau Ansary als Studentin sympathisiert, unterschätzt die Unterstützung, die das Mullah-Regime in den armen, ungebildeten und tiefreligiösen Massen findet und auch die unglaubliche Skrupellosigkeit, mit der das Regime auf jede Opposition reagiert.
Der Weg aus einer wohlhabenden Familie der intellektuellen Mittelschicht Teherans in die kurdischen Berge ist der Weg in eine andere Welt. Es ist eine Welt krasser Armut, in der die Menschen oft ums nackte Überleben in einer kargen Natur kämpfen. Früh werden die Frauen verheiratet, bekommen Kinder und sehen schon früh alt und abgehärmt aus. Es ist aber auch eine Welt ausgeprägter menschlicher Solidarität, in der buchstäblich das letzte Brot geteilt wird, eine Welt der Lebensfreude, bunter Kleider und ausgelassener Tänze. Eine Welt, die im unversöhnlichen, nicht nur sprachlichen und ethnischen Gegensatz zum lebensfeindlichen, den Tod verherrlichenden Schwarz des Mullah-Regimes steht. Die Frauen in kurdischen Teil des Landes haben - so der Eindruck, den dieses Buch hinterlässt - eine bessere Stellung als im übrigen Iran.
Das Mullah-Regime nimmt vor allem den Frauen die Freiheit, doch selbst in den Oppositionsgruppen bleibt eine Geringschätzung der Frau vorherrschend. Die Konflikte in der bewaffneten iranischen Oppositionsgruppe, die den Rest einer ehemals starken Bewegung bildet, die nun ums schiere Überleben kämpft, werden stärker und führen zu einem Machtkampf mit mehreren Todesopfern. Dieses traumatische Erlebnis kann die Autorin erst nach vielen Jahren rekonstruieren. Sie braucht dafür die Hilfe ihres Mannes, der einst eine führende Rolle in der Oppositionsbewegung innehatte und sich an das Geschehen, in dessen Mittelpunkt er stand, im Gegensatz zu ihr genau erinnert.
Zufällig im Jahre 1989, das mit dem Ende der sowjetisch geprägten Staaten das Ende jeder realen "sozialistischen" Alternative für den Iran bedeutet, kann die Autorin nach Deutschland übersiedeln. In ihrer dritten Welt - nach den "Welten" von Teheran und der Welt der kurdischen Berge - wird der Absturz in die Depression nur mit Hilfe der Eltern und einer strikten äußeren Disziplin durchgestanden.
Die Autorin, die in Teheran Physik studiert hatte, muss das deutsche Abitur absolvieren, um anschließend noch die Studien-Abschlüsse in Architektur (ihr Mann, von dem sie sich in Deutschland trennt, war ebenfalls Architekt) und Journalistik zu erreichen. Schließlich arbeitet sie als Journalistin und stellt sich der Anstrengung ihre Erlebnisse aufzuschreiben.
Das Buch ist in der Originalausgabe auf Deutsch erschienen. Kurze, präzise, informative Abschnitte zu den politischen Entwicklungen, soweit sie den Rahmen für das persönliche Schicksal bilden, sind passend in den journalistisch-literarischen Text eingefügt. Dazu kommen noch Anmerkungen und ein Glossar persischer und kurdischer Wörter. Ein sorgfältig und ansprechend gestaltetes Buch.
Wenn man dieses spannende, informative und traurig-schöne Buch zu Ende gelesen hat, ist man sicher, dass man ohne diese Lektüre ärmer wäre.