Frank Gieseke und Albert Markert: Flieger, Filz und Vaterland . Eine
erweiterte Beuys Biografie
Schon von weitem her hört man das Grollen der
Motoren. Die siebte Staffel des
Schlachtgeschwaders 3 fliegt gegen den tobenden
russischen Schnee die Stellungen der Roten
Armee an. Die ersten Flakgeschütze krachen,
noch viel zu tief, als dass sie eine Gefahr für die
neun Stukas darstellen könnten. Der Rumpf der
Ju 87 senkt sich und der Sturzflug im immer
steiler werdenden Winkel beginnt. Pilot Laurinck
nimmt die ersten erkennbaren Geschützstellungen
am Boden unter MG-Feuer während Bordfunker Beuys den Rücken freihält. Die
nahenden Flakwolken engen die Sicht ein. Plötzlich, als Laurinck die ersten
Bomben ausklinken will, durchschlagen krachende Splitter den Rumpf.
Während sie eine schwarze Rauchschwade hinter sich herzieht, zieht der Pilot
die Maschine hoch und manövriert sie aus dem russischen Schussfeld. Sie ist
kaum noch zu steuern, dennoch schafft er es, sie hinter die eigene Front zu
bringen. Als die Stuka immer mehr an Höhe verliert, ruft Beuys, sie sollen
aussteigen, aber schon streiftt die Unterseite schmetternd die Felsen, während
Teile des Flugzeugs zerbersten. Eingeklemmt hinter dem eisigen Blech liegt
Beuys schwer verletzt. Sein Kamerad am Steuer hat den Aufprall nicht überlebt.
Der Wind weht durch das zerbrochene Wrack, als eine Gruppe von Tataren die
Absturzstelle entdeckt, Beuys aus dem Schnee bedeckten Rumpf befreit und in
ihr Lager bringt. Daraufhin wärmen und pflegen sie ihn und retten ihm dadurch
sein Leben. Später wird er von einer Rettungsmannschaft aufgefunden und in
ein Lazarett gebracht. Ein Landserbericht hätte sicherlich noch wesentlich
enthusiastischer und dramatisch geschilderter klingen können, doch kann man
sich so veranschaulicht die 'Kriegsabenteuer des jungen Joseph Beuys'
vorstellen, der darin nicht nur halsbrecherische Geschehnisse erlebt, sondern
auch durch Land, Mensch und Mystik entscheidend in seinem Denken und
Leben nachhaltig beeinflusst wird. Dass dies eigentlich nur äußerst fraglich
betrachtet werden kann, sollte auf der Hand liegen, dennoch ist diese Art der
Schilderung bei Beuys weitgehend verbreitet. So haben Gieseke und Markert
zahlreiche Informationen und Archive für ihre erweiterte Biografie ausgewertet,
die im Zusammenhang mit Beuys bis jetzt teilweise unbeachtet blieben. Die
erste Hälfte des Buches versucht, sich ausführlich mit Beuys' Kindheit und
Kriegszeit zu beschäftigen, während es in der zweiten Hälfte um die
nachkriegszeitlichen Aktionen und Politik Beuys' geht. Gerade der
mystifizierende Legendencharakter, der Beuys anhaftet, wird von Gieseke und
Markert besonders untersucht. Auch dabei stützen sie sich vorwiegend auf
Beleuchtungen der genauen historisch archivierten Fakten. Dies scheint sehr
nachvollziehbar, wenn beispielsweise das, aus heutiger Sicht, östlich-mystisch
wirkende veraltete Filztextil und Fett als Rohstoff ganz rational in die damalige
Industrie sowohl in Ost und West eingebunden gezeigt wird. Diese beiden
Rohstoffe, die er fortwährend in seinen künstlerischen Arbeiten einsetzte
werden oft durch seine Rettung durch 'Nomadisierende Tataren' nach einem
Flugzeugabsturz während des Zweiten Weltkrieges auf der Krim begründet, da
er dabei mit diesen 'urspünglichen' Stoffen gepflegt wurde. Gieseke und
Markert zeigen auf, dass Beuys mit beidem bereits intensiv zuvor in Kontakt
gekommen war: Filz beispielsweise war gerade bei den
Ausrüstungsgegenständen und der Kleidung der Wehrmacht im Osten
essentieller Bestandteil. Bei der hervorgebrachten Fülle an detaillierten
Informationen durch die beiden Autoren, bringen sie jedoch vereinzelt
Korrekturen auf, wo keine direkten Fehler vorliegen. Sicherlich ist das durch
Beuys wiedergegebene Erleben der 'Tatarenlegende' subjektiv verzerrt,
allerdings behauptet er beispielsweise nie, er wäre mehrere Tage oder Wochen
verschollen bei den Tataren gewesen, wie es mithilfe von
Wehrmachtsunterlagen auf einen Tag berichtigt wird. Er merkt lediglich an, er
sei nach ungefähr zwölf Tagen wieder aus einer Art Koma erwacht und befand
sich da bereits in einem Lazarett. Aber Gieseke und Markert stellen auch
weniger eine Kritik an Beuys direkt, als vielmehr an seinen bisherigen
Biografieautoren dar. Diese brächten lediglich die von Beuys selbst genannten
Erlebnisse in der Form, in der er sie erzählte zu Papier und überinterpretierten
sie ohne weitere Verifizierung. Vor allem in Bezug auf die weiträumigen
konkreten Interpretationen der häufigen Bestandteile seiner Aktionen und
Arbeiten werden diese bisherigen genau erläutert und soweit ins Absurde auf
gleicher Ebene weitergeführt, dass man hofft, es handelt sich um Sarkasmus.
Spätestens bei wiederholten Anwendungen dieses Mittels wird dies auch
deutlich. 'Da man bei Kotte/Mildner den Eindruck nicht los wird, das
Braunkreuz könnte genausogut schwarz sein, möchten wir noch echte Krim-
Kurort-Urlaubsbräune, das paprikabraune ungarische Gulasch, das
Whiskybraun und das deutsche Nazibraun, das in Italien zum Schwarz tendiert,
hinzufügen.' Die Inbezugnahme jeder Eigenschaft (hier des Braunkreuzes) zu
Beuys Leben wird ins Willkürliche gezogen. Die Nachkriegsjahre bis zur aktiven,
politischen Aktivität werden relativ sachlich und chronologisch geschildert. Es
ist nachvollziehbar, wenn die Autoren darlegen ,dass er die damalige politische
Situation verkennt, wenn Beuys sagt, zu seiner Zeit sei die Jugend viel freier
und unbestimmter und die Schulbücher und Schulen besser und weniger vom
Staat kontrolliert gewesen; oder seine Aussage wird falsch verstanden. Eine
Weigerung der eigenen Konfrontation mit der Nazivergangenheit wird vor allem
durch solch beschönigende Erzählungen der für ihn erkenntnisreichen
Kriegsjahre dargestellt. Beuys politische Initiative und seine Vorstellung einer
Art erneuerten gesellschaftlichen Lebens werden als grundlegend durch seine
Erziehung während des Nationalsozialismus' bestimmt gesehen; die mystischen
und biologistischen Ansichten in Bezug auf die Nation seien typisch durch das
NS-Regime geprägt, was nicht falsch sein mag, allerdings ist eine gewollte
aktive, individuelle Einbindung eines Jeden in den Kulturprozess
dementgegensprechend genau untypisch. Es ist sicherlich einfach, einen
ehemaligen Hitlerjungen und Luftwaffenflieger in entsprechendem Kontext und
tief reichender, dauerhafter Prägung darzustellen, eine plausible Bestätigung ist
dies jedoch nicht. Gieseke und Markert siedeln Beuys zwischen 'Krieger' und
'Hirte' an, er trägt national bestimmte Auffassungen von 'homogenen' Staaten,
steht aber für eine freiheitlich bestimmte Entfaltung der Gesellschaft ein. 'Das
ideologische Bindeglied zur rechten Theorie ist Beuys' mystisch-biologistisches
Weltbild.' Zwangsläufig entsteht ein Zusammenhang mit nationalen,
nationalsozialistischen, norechtsextremen Ideologien. Beuys wird ins rechte
Spektrum gerückt und in deren Zusammenhang gebracht. Es stellt sich doch
ebenso die Frage, ob man bei einer Befassung mit dieser Art heiklen Themas
überhaupt zufrieden stellend antworten oder darlegen kann. Ist der von Beuys
propagierte Dritte Weg, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, nichts
anderes als eine Art abgewandelter und 'gut gemeinter' Nationalsozialismus?
Die Verklärung als von nationalsozialistischem Gedankengut durchdrungen ist
sicherlich genauso gefährlich wie die Verkennung des Einflusses dieser Zeit. Im
Gegensatz zum ersten Teil, kommen in der zweiten Hälfte des Buches
besonders die Meinungen anderer zu Wort, zu denen, oft kritisch und
sarkastisch, Stellung bezogen wird. Dabei wird versucht, sich des politischen
Begriffs Beuys' anzunähern. Aus den besonderen Recherchen zur Geschichte
und Kultur ergeben sich interessante Augenmerke. So wird auf die besondere
zufällige Verbindung zu 'sztuka', das polnische Wort für Kunst, hingewiesen,
wie Beuys es eventuell während seiner Fliegerausbildung in Polen erfuhr. Auch
der mystisch-schamanische Bezug wird durch ähnliche Beispiele teilweise stark
kritisch betrachtet und gebrochen. Dabei wird besonders der erste Teil stark
dominiert von den detailreichen Schilderungen, allgemeinen Anekdoten und
Exkursen der Umstände, die an Beuys Lebensstationen vorherrschten. So
werden Regionalsportvereine vorgestellt, die italienische Partisanenpolitik
chronologisiert und frühe Margarinereklamemethoden erläutert. Dieser große
Teil versucht, weite mögliche (zu freie) Zusammenhänge und die
Lebensumwelt und -situation, in der Beuys sich befand nachempfindbar zu
machen und ist ' in diesen Bereichen ' keine eigentliche Biografie. Ähnlich
verhält es sich mit den, in den Text eingebetteten, zahlreichen Darstellungen
von historischen Fotos, Wehrmachtspropaganda und Stukas. Diese
Untermalung des Textes ist zwar recht angenehm, geht allerdings nur selten
über den illustrativen Wert hinaus, zumal oft wünschenswerte
Bildunterschriften fehlen.
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