Wie kommt die Weltliteratur ins Jugendbuch?
Amerikanische Klassiker von T. C. Boyle und John Knowles
Seit einiger Zeit haben die Jugendbuchverlage eine neue Zielgruppe erfunden: «junge Erwachsene». Das sind jene, die gerne lesen, vor allem über sich und die Probleme des Erwachsenwerdens, die sich aber niemals in der Kinder- und Jugendabteilung einer Buchhandlung blicken lassen würden. Jungen Erwachsenen kann man auch ein bisschen Fäkalsprache zumuten, Sex ist nicht tabu, ebenso wenig das Reden darüber, und der simple Fernsehjargon der Daily Soaps ist willkommen. Häufig sind deshalb auch sehr junge Autorinnen und Autoren anzutreffen, die für ihresgleichen schreiben. Über den Erfolg dieser Buchreihen bei der Zielgruppe ist nichts Näheres bekannt. Sicher aber ist, dass es keines der darin publizierten Werke zu breiterem Ansehen gebracht hat. Wenn «junge Erwachsene» mit eigentlichen Jugendbüchern den literarischen Markt eroberten, dann in allgemeinen Belletristik-Verlagen. Bekannteste Beispiele der vergangenen Jahre im deutschen Sprachraum sind Zoë Jenny und Benjamin Lebert.
Verpflanzung
Manche Bücher, die keineswegs explizit für Jugendliche (oder junge Erwachsene) geschrieben wurden, werden praktisch ausschliesslich von diesen gelesen wie etwa Ulrich Plenzdorfs «Leiden des jungen W.» in den siebziger Jahren. Jerome D. Salingers «Fänger im Roggen» aus dem Jahr 1951 ist wohl das meistzitierte amerikanische Beispiel dafür. Im deutschsprachigen Raum ist dieser sogenannte Jugendbuchklassiker nie in einem Jugendbuchverlag erschienen. Doch gibt es seit einiger Zeit die Tendenz, Kinder- und Jugendbücher von bekannten und literarisch ausgewiesenen Leuten schreiben zu lassen. Bei Kinderbüchern funktioniert das gut, bei Jugendbüchern weniger. Will man deshalb Weltliteratur in einer Jugendbuchreihe haben, dann muss man sie dorthin verpflanzen. Von ausserhalb. Ganz nach dem Motto: «Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen will . . .»
Am konsequentesten wird das neu in der «dtv-Reihe Hanser» praktiziert, einer Taschenbuchreihe, die zum Grossteil aus Hansers Kinder- und Jugendprogramm gespeist wird. «Grosse Literatur für junge Leser» will diese Reihe nun anbieten, für «literarische Anfänger» und illustriert. Erzählungen von Franz Kafka und eine Novelle von Günter Grass machen den wenig überraschenden Anfang. Dazu gesellt sich T. Coraghessan Boyle, das seit Jahrzehnten von allen geliebte Enfant terrible der amerikanischen Literaturszene. «Der Fliegenmensch und andere Stories» heisst das Bändchen, das sechs seiner Geschichten versammelt, deren gemeinsamer Nenner wohl am ehesten in der Darstellung grotesker Beziehungen und Bezüge zwischen Mensch und Tier bzw. Mensch und Natur zu finden ist. Durchaus Erzieherisches also. Und doch sind diese Erzählungen lustvoll zu lesen. So wie es sich der Autor in seinem doch ein wenig belehrend geratenen Nachwort wünscht. Dafür, dass er inzwischen zum Schulautor geworden ist, dass «praktisch jeder junge Amerikaner irgendwann in Highschool oder College» zumindest auf die Erzählung «Greasy Lake» trifft eine Geschichte, in der junge Männer in ihrem pubertären Grössenwahn eine grausige Abreibung erfahren , dafür entschuldigt sich T. C. Boyle explizit.
Modernisierung
Ein Roman, mit dem sich amerikanische Collegestudenten ebenfalls viel beschäftigen (Debatten im Internet zeugen davon), ist «A Separate Peace», von John Knowles Ende der fünfziger Jahre geschrieben und einige Jahre später von Uwe Johnson unter dem Titel «In diesem Land» für Suhrkamp ins Deutsche übersetzt ein Klassiker, der nicht mehr im Handel ist. Nun ist diese College-Story, dieser Roman einer männlichen Initiation, der während des Zweiten Weltkrieges in New Hampshire angesiedelt ist, unter dem Titel «Ein anderer Frieden» bei Carlsen als Jugendbuch erschienen. In einer «neuen, modernen Übersetzung» von Hansjörg Schertenleib. Einer Übersetzung, die laut Auskunft des Verlags für Jugendliche leichter zu lesen sein soll, die nicht so sehr das Literarische betonen will, sondern stärker den Fluss der Geschichte.
Das ist so weit gelungen. Die psychologischen Berg-und-Tal-Fahrten des sechzehnjährigen Gene, der einen unsichtbaren Machtkampf mit seinem Freund Phineas austrägt, welcher mit dessen Tod endet, kommt im Jugendbuch leichtfüssiger und leichtgewichtiger daher als bei Johnson. Was dabei verloren geht, ist das beständige Gefühl, das Leben in dieser Zeit des Ausnahmezustandes durch die Augen des Protagonisten wie durch einen Schleier zu sehen, der sich nur hin und wieder kurz lüftet, so dass die Realität des Krieges für einen Moment klar erkennbar wird. Schertenleib hat in seiner Übersetzung diesen Schleier einfach weggezogen und ein Jugendbuch daraus gemacht: mit irritationsfreier Sicht auf die Vergangenheit.
Gerda Wurzenberger