Pressestimmen
"... richtig gute Unterhaltungsliteratur" (Elke Heidenreich, Stern-Online, 10. Februar 2009) "Sehr, sehr gut erzählt ... Ein wirklich sehr gut geschriebener kleiner Roman ... mit reichlich Stoff zum Nachdenken." (Elke Heidenreich, Lesen!, 10. Februar 2009) "Welche Reise Sie auch planen, dieses Buch gehört ins Handgepäck." (emotion, 4/09) "Wieder hat Annegret Held einen großartigen Roman geschrieben - und eine perfekte Milieustudie." (Maxi, 2/2009) "Witzig, anrührend und spannend." (Melanie Besecke, Bild Frankfurt, 21. Februar 2009) "Mit 'Fliegende Koffer" ist Held wiederum das Kunststück gelungen, Tragik und Komik in eine stimmige Balance zu bringen."
(Hedwig Kaster-Bieker, Frankfurter Neue Presse, 26. Februar 2009) "Intensiv und spannend schreibt Annegret Held über Begegnungen und die Geister der Vergangenheit." (Esther Sambale, Bücher, 2/2009) "'Fliegende Koffer" ist eine Parabel auf die Gefährdung des Menschen vor allen latenten Gefahren durch Misstrauen. Annegret Held teilt ihren dramatischen Stoff in erzählerisch leichte Portionen, ist im Milieu zuhause, trumpft nicht auf, steckt ihre Klugheit nicht in aufgedrehte Sätze, bleibt mit ihrer Ich-Erzählerin immer soweit außerhalb des Geschehens, dass sie merkt, was passiert. Ein gelungener, leichter und tragischer Roman aus der Dienstleistungswelt, über die physischen und psychischen Gefahren unserer Zeit." (Verena Auffermann, Deutschlandradio, 17. März 2009) "Annegret Held hat wieder ein Buch geschrieben, das durch seine menschliche Wärme und seine sprachliche Präzision besticht." (Salli Sallmann, RBB-Kulturradio, 19. März 2009) "Diese Frau weiß, wovon sie schreibt ... Ihre große Stärke ist die genaue Beobachtung ... Annegret Held. Eine Schriftstellerin, die etwas riskiert. Von der ersten Seite an nimmt sie uns mit auf die Reise - in die Abenteuer des Alltags." (HR - Hauptsache Kultur, 2. April 2009) "Annegret Held versteht es meisterhaft, ihre Charaktere darzustellen und Stimmungen abwechslungsreich und mit ausdrucksvoller Sprache zu beschreiben." (Filter, 1. März 2009) "Wer dieses Buch gelesen hat, wird mit anderen Augen und Gefühlen die Sicherheitsschleusen in Flughäfen passieren ... Annegret Held ist eine Autorin, die ganz genau hinsieht und mit einer unverbrüchlichen Solidarität auf Seiten derer steht, die man gern schönfärberisch als die kleinen Leute bezeichnet." (Raimund Kirch, Nürnberger Zeitung, 20. März 2009)
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Bei mir soweit alles und alles daneben. So habe ich nie leben wollen, mit fünfundvierzig noch in der Spur. Tausendmal den Arm gehoben, tausendmal auf die Knie, tausendmal: - Bitte mal umdrehen! - So habe ich mir das nicht vorgestellt, als ich zwanzig war. Da hatte ich nur singen wollen, wahlweise tanzen, wahlweise Gedichte aufsagen auf schummerigen Bühnen. Nun: ich tanze. Ich führe täglich einen vielarmigen Tanz auf, in mehreren Schrittfolgen, zahlreichen Beugungen und wackeligen Grätschen, ich tanze im Takt der polternden grauen Wannen in der blechernen Schiene der Gepäckprüfanlage. Ich lasse mir Koffer unterschieben, Koffer um Koffer kommen mir entgegen, ich reiße sie rhythmisch auf und lasse sie maulsperrig liegen. Mein Kostüm ist dunkelblau. Was solls. Ich will hier sowenig sein wie Fritz, der Augenoptiker, und wie Max, der Theologe, und wie Kathrina, die Stabsoffizierin aus dem Kosovo. Es hat uns hierhin verschlagen, ich sage: verschlagen. - Den Schlüssel bitte in die Wanne, sagt der Augenoptiker. - Den Koffer bitte öffnen, sage ich. - Die Arme mal heben, sagt der Theologe. - Bitte mal umdrehen, sagt die Stabsoffizierin. Der Worte so wenig. Dabei müßte Fritz irgendeinen Satz sagen mit dem Wort "Dioptrien" darin. Oder Max etwas mit "2. Vatikanisches Konzil". Oder die Stabsoffizierin: "Feuer frei!" vielleicht. Oder: "Rückzug!". Ich habe keine Ahnung, was eine Stabsoffizierin in einem Kriegsgebiet befiehlt. Kathrina sagt nicht viel. Sie ist groß und blond und ernst, sie hat blaue Augen. Ihr Gesicht ist unbeweglich, und ihre Augen schauen immer in die Ferne. Die Weite der Schlachtfelder im Blick. - Im Kosovo war es langweilig, hat sie gesagt. - Wir haben nur rumgegammelt. Aber etwas muss sie doch gesehen haben. Sonst wäre sie nicht so ernst. - Würdest du auch in den Libanon gehen? Kathrina wendet die Augen abermals in die Ferne. Sie antwortet nie gleich. Erst wenn der Blick zurückgekehrt ist, sagt sie mit großer Bestimmtheit: - Ja. Wäre Kathrina in Stein gemeißelt, so wäre sie eine Naumburger Domfigur. Kathrina konnte nicht bei der Bundeswehr bleiben, denn ihr Zeitvertrag war abgelaufen. Der Augenoptiker konnte nicht bleiben, weil Brille Fielmann in seine Straße gezogen war. Der Theologe konnte nicht bleiben, weil die Kirche geschlossen wurde, in deren Gemeinde er tätig war. Bei mir war es einfach: ich bin hier, weil das Singen und Tanzen und Gedichteaufsagen danebenging. Aber ich habe nicht so lange hierbleiben wollen. Wollte nur vorübergehend einen Job, um Hungerszeiten zu überbrücken, aber ich bin immer noch hier. Früher habe ich mal in einer Buchhandlung gearbeitet, das war eigentlich ganz gut. Man braucht einen Job. Alle, die hier sind, brauchten dringend einen Job, und so stehen wir hier. Wer einen Job braucht, geht zum Flughafen. Wie gut, daß sie immer wieder Anschläge machen, in London, Madrid, in Dortmund, in Koblenz, allein sechs verhinderte Anschläge im letzten Jahr, das gibt Jobs. Jede Menge Jobs in der Sicherheitskontrolle. Dem einen sein Tod ist dem andern sein Brot. - This is not allowed, sagt Kathrina zu der alten Chinesin und wirft ihre Dose Litschitee weg. - We make a spezial test with your laptop, please follow me, sagt Max. - Donnez-moi vos chaussures, sil vous plaît, sage ich. - Es tut mir leid, aber Sie müssen die Jacke ausziehen, sagt der Augenoptiker. Es tröstet, daß unsere wenigen Worte in vielen Sprachen gesprochen werden. Ich kann: Arigato, das heißt danke auf japanisch. - Kamsamnida! Das ist koreanisch. Aber wir sollten mehr Chinesisch lernen. - Schje-schje, heißt es wohl. Namasteh, indisch, ganz wichtig. Auch russisch. Türkisch hören wir jeden Tag. Spanisch. Die Weltsprachen. Salam. Arabisch. Ein ganz schöner Völkerkauderwelsch, ein Wortgebrösel, die meisten Worte werden nicht verstanden. Die nicht gehörten Wörter bleiben in der Luft hängen, sie verdichten sich, sie bilden eine Wolke. In dieser Wolke arbeiten wir, zäh, verbissen, uns nach vorne fressend. Es sind nicht die Völkerschlangen, die sich durch unsere Kontrollstelle schieben. Wir sind es, die sich durch die Menschen arbeiten, eine tintenfarbene Ameise mit unzähligen Armen und Beinen, eine blaue Elise.