Dies ist ein ganz außergewöhnliches und bemerkenswertes Bilderbuch für Kinder ab 5 Jahre und für alle Erwachsenen, die das Träumen und die Sehnsucht nach Freiheit nicht aufgegeben oder unterdrückt haben. Vor fast 25 Jahren hat die vor wenigen Jahren verstorbene deutsche Theologin und Mystikerin Dorothee Sölle in dem kleinen Fietkau-Verlag in Berlin ein Gedichtheftchen mit gleichem Titel veröffentlicht. Die damaligen Gedichte sprachen von der Sehsucht nach dem Menschwerden, dem Traum vom Ganzsein , erfüllter Liebe und einer tiefen Spiritualität.
Meschenmosers "Fliegen lernen" ist ein Bilderbuch, das mit sehr wenigen Worten auskommt und doch von Ähnlichem spricht wie Sölles Gedichtband vor langer Zeit. Auch seine Zeichnungen halten sich überhaupt nicht an das, was die Sparte Bilderbuch gewöhnlich fordert. Sein Zeichenstrich ist locker, das einzelne Bild bleibt reduziert und er setzt Farbe nur ganz spärlich und kaum wahrnehmbar ein.
Menschenmoser erzählt die Geschichte eines Pinguins, der eines Tages vor ihm sitzt und behauptet, er habe gerade eine Bruchlandung hinter sich. Der Pinguin erzählt, er sei sehr wohl mit anderen Vögeln geflogen, aber mitten im Flug habe ihn der Gedanke gestreift, er sei vielleicht gar nicht zum Fliegen gemacht. Und sofort stürzt er ab. ( Eine allzu menschliche Erfahrung, wenn man das "Fliegen" metaphorisch liest, wie es das Buch sicher tut.)
Der Autor nimmt den Pinguin auf, lässt ihn im Waschbecken schlafen und gibt ihm etwas zu essen. Vor allen Dingen nimmt er ihn ernst und erstellt ein ausgefeiltes Trainingsprogramm, um den Pinguin zum Fliegen zu verhelfen. Die dazu gebauten Vorrichtungen und die Art und Weise, wie Meschenmoser sie zeichnet, erinnern stark an Leonardo da Vinci, an den auch sein Zeichenstil erinnert. Er zeichnet mit dünnem Stift, dass es eine wahre Freude ist, kritzelt hier, kratzt dort, geht sehr sparsam um mit Farbe, hat hier mal ein Grün, dort ein Gelb oder Braun. Viele Versuche misslingen, doch am Ende klappt es: "Er war ein guter Flieger für einen Pinguin."
Ein wunderbares Buch, das gekonnt mit Phantasie und Wirklichkeit spielt und beim Lesen und Anschauen den Leser in Kontakt bringt mit seiner Sehnsucht nach dem im metaphorischen Sinn zu verstehenden "Fliegen lernen", dem über sich selbst hinaus wachsen, der Transzendenz seiner selbst. Sehr empfehlenswert auch als kleines Geschenk für Erwachsene.