Es gibt Geschichten, die eine Art Erinnerung in uns wachrufen. Es sind Erzählungen, die sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von anderen unterscheiden und dennoch irgendetwas in uns zum Klingen bringen. Für viele erzählte der Film Matrix offenbar eine solche Geschichte, wie es für andere der Epos vom Herr der Ringe ist. Ludwig Gartz sieht hier ein Wissen angelegt, das uns als Menschen hilft, eine Thematik ins Bewusstsein zu holen. Im Herr der Ringe, so seine These, ist der Kampf des Bewusstseins der Menschheit mit dem Zinssystem symbolisch verschlüsselt. Das erschien mir zunächst weit hergeholt, beim Lesen des Buches hat diese Interpretation für mich aber an Plausibilität gewonnen. Wie dem am Ende auch sei, der eigentliche Sprengstoff liegt in den anderen Teilen des Buches.
Das erste Kapitel des Buches widmet sich der Aufklärung über das Zinssystem. Hier findet der Leser eine gut lesbare Zusammenfassung wichtiger Freigeld-Theorieansätze von der Liquiditätsprämie als Standard für den Zins, über die Abzinsung der Zukunft als Grundproblem eines verantwortungsvollen, wirtschaftlich-ökologischen Handelns bis zum Geldmachtapparat aus Politik, Wissenschaft und Medien, der für die Sicherung des Systems sorgt. Das ist für denjenigen, der sich mit Freigeldtheorien etwas auskennt theoretisch nicht immer zufriedenstellend, für den Neueinsteiger aber eine gute, bisweilen auch anspruchsvolle Lektüre. Ein Zinssystem produziert automatisch Mangel und eine Spaltung der Gesellschaft, die sich zunehmend verstärkt. Das sind die mehr oder weniger bekannten materiellen Auswirkungen der Zinswirtschaft. Auf der Ebene des damit verbundenen Bewusstseins, analysiert Gartz "neun negativ dominante Tendenzen", die unsere spirituelle und persönliche Entwicklung behindern: Die Tendenzen zu Verknappung, zum feindlichen Wettbewerb, zur Beraubung, die Tendenzen zur Verschwendung und zur Bestechung, zur Täuschung und zur Verwirrung sowie letztlich die Tendenzen zur Angst und zur Schuldzuweisung. Diese neun Tendenzen bedingen und verstärken einander und obwohl das nicht immer konsistent argumentiert sein mag, ist es dennoch Dynamit. Gartz vergleicht sie, nicht ganz aus der Luft gegriffen, mit den Neuen Schwarzen Reitern im Herr der Ringe.
Im zweiten Kapitel diskutiert Gartz Lösungsansätze für eine ganzheitliche freie Marktwirtschaft. Eine Umlaufsicherungsgebühr ist dafür eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Eine Bodenpacht und eine Besteuerung des Ressourcenverbrauchs sind weitere wesentliche Eckpfeiler, ebenso wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Gartz legt für mich überzeugend dar, das diese vier Ordnungsprinzipien ausreichend sind, um die Selbstregulation der Gesellschaft wieder in Gang zu setzen. Das hat bei mir einen Aha-Effekt ausgelöst. Dauerhaftes Wachstum ist in unserer Gesellschaft nur notwendig, um Zinsen bezahlen zu können. Biologische Systeme dagegen wachsen nur bis zu einem bestimmten Punkt und sind dann in einem relativ stabilen dynamischen Gleichgewicht mit ihrer Umwelt. Während die Kapitallogik asozial und unmoralisch ist , ist die zugrundeliegende Logik des Zinses destruktiv und krank.
Die Einführung fließenden Geldes und einer ganzheitlich freien Marktwirtschaft ist nicht nur ein Wandel in den wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen, sondern alle Bereiche des Lebens werden verändert. Der Autor holt hier weit aus und spricht von einer "tiefgreifenden Transformation der Menschheit" und der "Geburt des Goldenen Zeitalters". Das hört sich spirituell an und das ist es auch. Diese These wird sicher auf den größten Widerstand treffen, ist aber eine tiefe Diskussion wert. Obwohl der Stil des Autors sicher nicht jedermanns Sache ist und auch ich mit seiner inspirierten Sprache meine Probleme hatte, argumentiert Gartz klar und verdeutlicht den Gegensatz zwischen dem Leben in einem Zinssystem und einer gelebten Spiritualität überzeugend.
Das Zinsgeldsystem markiert den Fensterrahmen, durch den wir auf die Welt sehen, es markiert die Koordinaten unserer Sicht auf die Welt. "Auf einer tieferen Ebene sehen wir die Welt der Zinswirtschaft als unverrückbare Realität an." (S.24) Dieses Buch hat die Energie, eine andere Sicht zu ermöglichen und den ersten Schritt zu tun. Fliessendes Geld hat das Zeug zu einem Longseller - mit guten Gründen. Ich wünsche diesem Buch viele Leser, v.a. auch Leser, die nach dem Lesen auch handeln.