GM Moskalenko spielt sein Leben lang die Französische Verteidigung. Im vorliegenden Buch möchte er seine Erfahrungen damit vermitteln, neue Konzepte präsentieren und kreative Varianten analysieren. Dies alles gelingt ihm sehr gut, in ausführlichen Textkommentaren erläutert Moskalenko sowohl die strategischen Grundpläne als auch die subtilen Feinheiten der Französischen Verteidigung und macht den Leser durch Pistolen auf taktische Tricks aufmerksam.
Des weiteren erhebt er den Anspruch, ein kämpferisches Repertoire für Schwarz anzubieten: Dem wird das Buch aber nur eingeschränkt gerecht. Zwar diskutiert es alle weißen Systeme gegen Französisch und liefert jeweils interessante Anregungen, deckt aber das mögliche Variantenspektrum nicht ausreichend genug ab, um allein als Repertoire-Buch bestehen zu können. Das Attribut "kämpferisch" erfüllt Moskalenko dafür zu 100%: Aktive schwarze Möglichkeiten wie Qualitäts-Opfer oder g5!? ziehen sich wie ein roter Faden durchs Buch.
In den Hauptvarianten untersucht Moskalenko hauptsächlich folgende Systeme: Gegen 3.Sd2 3...Sf6, 3...Le7 und 3...c5 4.exd5 Dxd5, gegen 3.Sc3 die McCutcheon-Varianten und Winawer mit 4...b6 oder frühem Da5-a4.
Ein Beispiel für die Lücken, die die Tauglichkeit als Repertoire-Buch in Frage stellen, bietet die Hauptvariante 3.Sd2 Sf6 mit 11...Dc7 (S.70f): Moskalenko führt nur den Zug 13.Tc1 an, die Existenz der zweiten Hauptfortsetzung 13.Lh4 erwähnt er nicht einmal. Weitere Lücken, die mir aufgefallen sind: Die recht populäre verzögerte Abtauschvariante (3.Sc3 Lb4 4.cxd5) fehlt ebenso wie in der McCutcheon-Variante 8...g6 9.Lc1, ein Zug, der immerhin von Tal gespielt wurde. Die Suche nach exakten Varianten gestaltet sich grundsätzlich schwierig: Zwar gibt es zwei Inhaltverzeichnisse, aber das erste gibt nur einen ebenso groben Überblick wie jenes am Schluss, das aufgrund eines schlechten Layouts und durch den Verweis auf Partienummer nicht wesentlich zur Orientierung beiträgt.
Ein besonders schwer wiegendes Minus stellt die Weigerung des Autors dar, sich mit den Französisch-Bänden von Khalifmans "Openings for White According to Anand" auseinanderzusetzen. Es WAR richtig, dass im komplizierten französischen Mittelspiel das konkrete Variantenwissen nicht von so zentraler Bedeutung war, worauf Moskalenko gerne verweist, aber gerade die Französisch-Bände von Khalifman sind wirklich exzellent und stellen selbst lebenslange Französisch-Adepten vor ernsthafte Probleme. So empfiehlt Moskalenko in den Kapiteln 8 (Winawer 4...b6) und 16 (Winawer 6...Dc7) dem Schwarzen nur Varianten, die Khalifman sehr überzeugend als vorteilhaft für Weiß analysierte; Rybka schließt sich Khalifmans Meinung an.
Generell tendiert Moskalenko dazu, die schwarzen Aussichten zu überbewerten, und oft halten seine optimistischen Einschätzungen einer Überprüfung mit dem Analysemodul nicht stand. Dass er es mit den Bewertungen nicht immer so genau nimmt, zeigt die Einschätzung einer interessanten Stellung in der Variante 3.Sd2 Sf6 mit Sf4-Sg6+: Moskalenko weist zwei Mal darauf hin, dass 11.Sg6+ (statt 11.exf6+) ungenau ist wegen 11... hxg6 12.exf6+ Kxf6!? 13.Dxh8 Kf7. In Partie Nr. 18 bewertet er die Stellung mit =+, in der Partie Nr. 19 dieselbe Stellung "mit Gegenspiel". Weiterführende Analysen fehlen leider.
"The Flexible French" ist das Eröffnungsbuch mit der größten Anzahl an Bildern, das ich kenne: Mein Lob dafür! Moskalenko stellt nicht nur die Helden der Französischen Verteidigung aus Geschichte und Gegenwart vor, sondern versucht auch schachfremden Motiven einen Bezug zur Französischen Verteidigung zu geben, alles inklusive einer angenehmen Portion Humor, die sich positiv durchs ganze Buch zieht. Leider sind einige dieser Bild in beschämend schlechter Qualität abgedruckt.
Als Repertoire-Buch kann ich "The Flexible French" nicht empfehlen, als spannende Ideen-Fundgrube zur Französischen Verteidigung ist es aber durchaus lesenswert.