Dass Fleisher so wenig bekannt ist, gehört zu den Rätseln und Ungerechtigkeiten des Musikmarktes.
Er ist Schüler Schnabels und ein Ausnahmepianist. Seine technischen Fähigkeiten verdienen Bewunderung. Er kann so seelenvoll zärtlich wie Lipatti, mitreissend wie Katchen und gewaltig wie Richter spielen.
Der häufig strenge, auch schon mal zackige Szell fällt mir da nicht unbedingt als Wunschpartner ein, aber tatsächlich bilden die beiden ein großartiges Paar. Szell war ein feinfühliger Begleiter, und die ihm teilweise fehlende Emotionalität bringt Fleisher ein.
Zur Interpretation (*****):
Beide spielen lieber klassisch klar als romantisch überschwänglich.
Fleisher interpretiert die langsamen Sätze feinfühlig, fast schon zärtlich; sie bilden Oasen der Ruhe und Schönheit. Dies erreicht er mit kleinen, beim ersten Hören oft kaum bemerkten Nuancierungen - romantische Rubati, oberflächliche Effekte hat er niemals nötig. Szell und sein Orchester überzeugen mit extrem feinfühliger Begleitung.
Die übrigen Sätze werden in überdurchschnittlichen Tempi gespielt. Hier erleben wir die andere Seite Fleishers, den kraftvollen, mitreissenden, technisch überlegenen Pianisten. Die 'mächtige Pranke' ist, gerade bei Brahms, wie selbstverständlich vorhanden, ohne je herausgestellt zu wirken. Auch hier beeindrucken Szell und seine Cleveländer mit scharfer Artikulation und schnellen, überlegenen Reaktionen.
Diese hier nur angeschnittenen Qualitäten rechtfertigen den Klassikerstatus der Aufnahmen.
Das Mozartkonzert wird beglückend gespielt, ich frage mich, wie es überhaupt besser dargeboten werden könnte.
Bei Beethoven und Brahms gibt es zwar zahlreiche und hochkarätige Konkurrenzaufnahmen, und ich kenne deutlich anders akzentuierte. Aber Szell und besonders Fleisher bieten auf ihre Weise Interpretationen an, die auch nach einem halben Jahrhundert gültig, schlüssig und packend geblieben sind und damit den härtesten aller Tests - die Zeit - bestanden haben. Sie sind auch für diejenigen Hörer anregend und gewinnbringend, die andere Interpretationen lieben gelernt haben.
Es gibt aber auch einschränkende Argumente: Bei Beethoven und Brahms kann ich den verstehen, dem Facetten der Musik fehlen. Die enorme Kontrolle etwa, die Szell und Fleisher ausüben, könnte den Wunsch hervorrufen, sie mögen doch auch einmal spontanen Einfällen nachgehen. Verstärkt wird dieser fast schon zu perfekte Eindruck durch die Studiosituation, dort wird ja grundsätzlich nüchterner, geplanter und präziser als bei Liveaufnahmen gearbeitet.
In der Tat wünsche ich mir, diese Aufnahmen wären live eingespielt worden - etwas spontaner, etwas mehr aus der Stimmung des Augenblicks heraus könnte dies alles schon ablaufen.
Klang (***):
Beethoven: Die LP-Versionen klangen dünn und blass. Das
um 1990 auf CD veröffentlichte Remastering zeigte beim dritten und vierten Konzert deutliche Verbesserungen, sie klingen klar, natürlich und einigermaßen räumlich. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wurden die drei übrigen nur geringfügig verbessert, sie wirken dünner, kühler, teilweise ein wenig blechern; im Bassbereich fehlt es an Fülle.
Bei den Brahmskonzerten kenne ich nur die
Masterworks-CDs, die klanglich im guten Durchschnittsbereich ihrer Aufnahmezeit liegen. Beide lassen sich gut anhören, sind unverzerrt und klingen insgesamt natürlich und genügend differenziert; ersteres enthält viel Hall, zweiteres klingt deutlich trockener. Verglichen mit Soltis herausragend aufgenommenem "Rheingold" von 1959 fällt das erste aber deutlich ab, auch das zweite von 1962 kann nicht mithalten
Es besteht also erheblicher Bedarf an einem umfassenden Remastering.
Leider hat Sony wieder einmal total versagt, diese Neuausgabe in 24 Bit hat selbst auf einer hochwertiger Anlage keine hörbaren Verbesserungen gebracht - ein enttäuschendes, klägliches Resultat.
Wiederum bedaure ich, dass die Rechte nicht bei Firmen wie Tahra, Audite, Testament oder gar Pristine liegen, denn die zeigen uns immer wieder, wie viel in diesen älteren Juwelen auch klanglich steckt, wenn man sie sorgfältig und mit den richtigen Methoden bearbeitet. Die lieblose Billigaufmachung ohne Textbeilage passt dazu, auch wenn sie bei dem geringen Preis vertretbar ist.
Fazit:
Die hohe künstlerische Qualität verdient eine Fünf-Sterne-Bewertung. Diese gebe ich auch, obwohl ich die oben genannten Einschränkungen teile.
Rechteinhaberin Sony hat hier nichts Positives geleistet und keinen Stern verdient. Wer die Werke in Aufnahmen ab etwa 1990 besitzt, sollte warten, bis ein echtes Remastering erfolgt.