...was natürlich gehörig in die Hose geht. Es ist nicht so, dass in diesem Buch nur Falsches steht. Es ist viel eher eine Anhäufung von falschen Dingen, richtigen Dingen im falschen Zusammenhang und richtigen Zusammenhängen, die schon so lange Common Sense sind, dass eine Erwähnung in einem aktuellen Sachbuch maximal überflüssig wirkt. Nach 10 Seiten wollte ich anfangen, die Stellen mit den groben Ungereimtheiten markieren, aber dann wäre ich jetzt noch nicht fertig. Ich kann also schlecht alle aufzählen (das würde sicher auch keiner lesen wollen) deshalb beschränke ich mich auf das zentrale "Argument" im Buch:
Frau Bäuerlein erklärt uns über 50 Seiten (von 150), welche negativen Folgen der exzessive Anbau von genetisch manipulierten Pflanzen in Mono-Kulturen mit Kunstdünger, Pestiziden etc. auf ehemaligen Regenwaldgebieten hat, die auch unbestreitbar so vorherrschen. Nun argumentiert Frau Bäuerlein damit gegen vegetarische Ernährung, weil Vegetarier sich ja nun mal (zumeist) auf pflanzliche Nahrung konzentrieren. Man möchte der Frau diese 50 Seiten über zuschreien, dass der Konsum von 1 kg Fleisch ein Vielfaches an kg Pflanzen erfordert, weshalb das ganze Argument damit kompletter Schwachsinn ist - ganz abgesehen vom hohen Bio-Anteil gängiger Soja-Produkte, die damit ohnehin aus diesem Raster fallen. Ein paar Seiten später wird es noch wirrer, denn Frau Bäuerlein nennt genau diesen Umstand selbst(!). Sie hält dennoch an ihrer fragwürdigen Schlussfolgerung fest, denn *Trommelwirbel*: Rinder müsste man ja gar nicht mit Monokultur-Mais und -soja füttern, viel besser wäre es, wenn man sie mit Gras fütterte. Ja Frau Bäuerlein, das wäre viel besser, IST aber leider in der Realität nicht so! An dieser Stelle war ich dann doch froh, dass Frau Bäuerlein lediglich miese Bücher zu Ernährungsfragen auf den Markt wirft - sie hätte ja auch Verkehrsministerin werden können. Dann hätte Sie womöglich auf die schlimmen Folgen von Erdölförderung hingewiesen und aufgrund dessen Fahrräder mit hohen Steuern belegt, die ja für die Herstellung von Schläuchen und Mänteln für die Reifen Erdöl verbrauchen. Auf den Einwand, dass Autos viel mehr Erdöl verbrauchen, hätte sie dann entgegnet, dass man ja auch Elektroautos benutzen könnte... so in der Art
Ok, wie gesagt, das ist das zentrale Beispiel, es gibt noch zig andere, die ich gerne in der Kommentarspalte zum besten gebe. Unter Anderem versucht die Autorin auf niedlichen 14 Seiten dieses Heftchens, einen umfassenden Überblick über ernährungsphysiologische Zusammenhänge zu geben, wirft darin alle möglichen Begriffe durcheinander und zitiert ernsthaft Studien aus dem Jahr 1924, bei einem weniger ernsten Thema wäre es echt zum Totlachen...
Weniger lustig hingegen ist die irreführende Rhetorik, der Frau Bäuerlein sich bedient, um über ihre wenig substantiellen Argumente hinwegzutäuschen. Gerade die ersten Kapitel sind gespickt mit Sätzen wie "Viele der Argumente für ... Vegetarismus ... basierten auf Unverständnis" oder "Ich merkte, dass Religion und Vegetarismus eine entscheidende Sache gemeinsam haben: Der Glaube an die Richtigkeit der Sache hat oft weniger mit Fakten zu tun, dafür viel mit Aberglauben und falscher Überlieferung". Diesen großspurigen Ansagen folgen dann aber eben nur die erwähnten nichtssagenden Anekdötchen, die halt so gar keinen Beleg für das Gesagte bringen. Ferner schreibt Frau Bäuerlein in einem Tonfall, als hätte Sie vom Brunnen der Erkenntnis getrunken und könnte irgendwie etwas Neues, die ganze Fachwelt Überraschendes zu der ganzen Thematik beitragen. Dabei sind die wenigen Teile, die sie tatsächlich richtig irgendwo rauskopiert hat, Thema in den UN-Berichten der letzten 10 - 20 Jahre und - ich wage mal zu behaupten - gerade den meisten Vegetariern durchaus bewusst.
Meine schlechte Bewertung ist übrigens an alle potentiellen Leser gerichtet, unabhängig von deren persönlicher Ernährung. So möchte ich hier keine Warnung an Vegetarier rausbringen á la "bloß nicht lesen, das ist böser Fleisch-Lobbyismus". Ich kann auch keinem Fleischesser empfehlen, diesen ausgemachten Blödsinn zu lesen. Sollten Sie sich ein paar der genannten Argumente merken und wiederverwenden, so werden sie bei allen halbwegs mit der Materie vertrauten zur großen Lachnummer. Der Klappentext hält nicht im Geringsten, was er verspricht, er ist nur Mittel zum Portemonnaie des potentiellen Käufers. Lesen Sie sich einfach die Wikipedia Artikel zu Soja, Mais und Weizenanbau durch, das ist günstiger und frei von tendenziösem Schund.
Ich habe dieses Buch nicht schlecht bewertet, weil die Autorin sich zum Fleischkonsum bekennt (das tut Karen Duve auch und die hat von mir 5 Sterne erhalten), sondern einfach weil es ein schlechtes Buch ist, dessen Autorin entweder nicht in der Lage ist, die simpelsten Zusammenhänge zu recherchieren, oder diese richtig recherchiert hat und bewusst irreführend wiedergegeben hat, um ihrem bereits vor der Recherche festgelegten Ergebnis gerecht zu werden. Beides für mich ein Grund, nicht mehr als einen Stern zu vergeben.
Update 20.06.2011: Aufgrund der positiven Resonanz zur Rezension und vielen Fragen zum Thema möchte ich noch auf (m)eine Facebook Seite zum Buch "Anständig Essen..." hinweisen: www.facebook.com/anstaendig.essen
Hier kann man sich besser zu diesem Thema austauschen, denn meine hinterlegte Amazon Email-Adresse werde ich wohl aufgrund von zu viel Getrolle demnächst wieder verstecken ;)