Als im Jahre 1954 in Boston (USA) die erste Nierentransplantation gelang, ahnte wohl kaum jemand, welche latente Gefahr dieser bahnbrechende medizinische Fortschritt auf einer ganz anderen Ebene entwickeln würde. Seit Beginn der 1980er Jahre erregten immer wieder Medienberichte große Aufmerksamkeit, die über illegalen, häufig im Mafia-Stil durchgeführten Organhandel berichteten. Unter Ausnutzung von Armut und Elend stehen auch heute noch Begriffe wie Ethik und Moral einsam der Profitgier krimineller Energie gegenüber, wenn manch Reicher dieser Welt die üppig gefüllte Brieftasche öffnet, um seine sterbliche Hülle vor dem drohenden Ende zu bewahren.
Mit dem außergewöhnlichen Thriller FLEISCH nimmt sich Autor und Regisseur Rainer Erler schon frühzeitig dieser brisanten Thematik an und schockt damit im Jahre 1979 ein fassungsloses Millionenpublikum. Wie Erler es damals schaffte für solch ein heißes Eisen ausgerechnet das ZDF für die Produktion zu gewinnen, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht liegt aber darin der Grund, weshalb man die Geschichte in den fernen USA ansiedelt und nicht etwa im eigenen Land. Und so beginnt der Film auch harmlos wie ein Spät-Hippie-Märchen, wandelt sich rasch zum kapitalen Road-Movie, bis er sich schließlich zum echten Thriller entwickelt. Einzig die Schlußphase des ansonsten stimmigen Werkes zeigt sich etwas enttäuschend. Plumpe, schnellergestellte Szenen während einer Verfolgungsfahrt sowie einige unlogische Bildschnitte neutralisieren erheblich die bis dahin so gelungen erzeugte Atmosphäre.
Mit Jutta Speidel, Herbert Herrmann und Wolf Roth in den Hauptrollen ist der Film ungewöhnlich, aber sehr gut besetzt. Man kennt die Schauspieler sonst eher aus seichteren Produktionen, was beklemmend den Eindruck verstärkt, das Gezeigte könne tatsächlich jedem passieren, wenn er sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Wolf Roth wird hier übrigens von Manfred Lehmann synchronisiert, und Bob Cunningham, der gegen Ende des Streifens den Inspektor spielt, ist mit der deutschen Stimme von Wolfgang Kieling zu hören. Erwähnenswert ist auch der Auftritt von Charlotte Kerr in der Rolle der Dr. Jackson. Sie dürfte vielen Zuschauern noch bestens in Erinnerung sein durch ihre energische Rolle als Kommandantin Lydia van Dyke, des Raumkreuzers Hydra, aus der Kultserie RAUMPATROUILLE ORION (1966)
Die DVD ist erschienen bei EUROVIDEO, zeigt sich von der Bildqualität aber leider ziemlich mäßig, krankt über weite Strecken an starker Grobkörnigkeit. Der Ton klingt hingegen sauber und gut ausgesteuert, Zusatzmaterial ist vorhanden in Form von Special Features und Trailer weiterer DVD-Titel. Die auf dem Cover angegebene Lauflänge des Films ist falsch, sie beträgt keine 105 sondern 109 Minuten.
Fazit: FLEISCH ist ein bewegender Thriller, der in der Schlußphase stilistisch zwar etwas schwächelt, aber dennoch keinen Zuschauer unberührt läßt. In der Gesamtbewertung 4 Sterne für den mutigen deutschen Vorreiter eines seltenen Subgenres.